Vertrauen in Telemedizin
Die Telemedizin hat bereits in Regionen mit eingeschränktem Zugang zur Gesundheitsversorgung Verbesserung erzielt und dazu beigetragen, medizinische Expertise in unterversorgte Gebiete zu bringen. Doch trotz ihres enormen Potenzials ist die Telemedizin noch nicht flächendeckend etabliert. Woran liegt das? Vertrauen spielt eine zentrale Rolle. Wir müssen uns fragen, warum es Vorbehalte gegenüber der Telemedizin gibt. Ist es die Angst vor dem Unbekannten? Mangelnde Aufklärung? Oder vielleicht das Gefühl bzw. die Auffassung, dass persönliche Betreuung nicht durch digitale Interaktionen ersetzt werden kann?
Telemedizinnutzung und Akzeptanz
Eine aktuelle Untersuchung in Deutschland zeigt, dass von 2063 Befragten im November 2023 nur gut ein Drittel niedrigschwellige digitale Gesundheitsdienste, wie die Online-Terminbuchung bei Ärzt:innen genutzt hat. Die Hälfte der Befragten gab an, noch keine digitalen Dienste, einschließlich Telemedizin genutzt zu haben.
Eine Umfrage aus Österreich zeigte, dass gut ein Drittel der befragten niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte (n= 606) davon ausgehen, dass das Vertrauen in der Arzt-Patient-Beziehung im Rahmen einer telemedizinischen Versorgung geringer ist, als bei einer persönlichen Interaktion. Vertrauen spielt eine entscheidende Rolle bei der Akzeptanz von Telemedizin, sowohl seitens der Patient:innen als auch der Gesundheitsdienstleister. Vertrauen allein in die Technologie wird nicht ausreichen – vielmehr ist es notwendig, Vertrauen in verschiedenen Dimensionen zu erfassen und zu stärken, um die Akzeptanz von Telemedizin zu erhöhen.
Drei Dimensionen von Vertrauen
Im Folgenden werden drei ausgewählte Dimensionen vorgestellt: Vertrauen in die Technologie, Vertrauen in die Versorgungsqualität und Vertrauen in die rechtliche Verankerung.
Vertrauen in die Technologie
Patient:innen und Gesundheitsdienstleister müssen Vertrauen in die Telemedizin-Technologie haben, einschließlich der Sicherheit, Zuverlässigkeit und Benutzerfreundlichkeit der verwendeten Plattformen und Anwendungen. Laut einer Bitkom-Umfrage nutzten in 2022 Ärzt:innen bevorzugt das Telefon oder das Fax-Gerät (63% von 535 Befragten) um mit Praxen, Kliniken oder Patient:innen zu kommunizieren. Ja, auch das Fax-Gerät ist nach wie vor ein vielgenutztes Medium. Bedenken hinsichtlich Datenschutz und Datensicherheit können das Vertrauen beeinträchtigen und folglich die Akzeptanz von Telemedizin behindern. Patient:innen müssen sicher sein, dass ihre persönlichen Gesundheits-informationen sicher übertragen, gespeichert und verwendet und dass angemessene Maßnahmen zum Schutz ihrer Privatsphäre getroffen werden. Genauso müssen sich die Gesundheitsdienstleister darauf verlassen, dass z. B. die Algorithmen, die die Daten auswerten, zuverlässig funktionieren.Und mindestens genauso wichtig – die Ärztinnen und Ärzte müssen die Grenzen des Systems kennen.
Vertrauen in die Qualität der Versorgung
Patient:innen sollten Vertrauen in die Qualität der telemedizinischen Versorgung haben, also Vertrauen in die Fähigkeit der Ärzt:innen, festzustellen, ob eine telemedizinische Versorgung für den Fall geeignet ist, sowie die Fähigkeit, eine genaue Diagnose zu stellen und angemessene Behandlungen zu empfehlen, auch wenn sie nicht persönlich vor Ort sind. Dabei ist eine offene und transparente Kommunikation zwischen Patient:innen und Gesundheitsdienstleistern entscheidend. Die Patient-Arzt-Beziehung wird aufgrund der Interaktion über eine digitale Schnittstelle ggf. beeinträchtigt. Eine Studie (Ladin et al.) aus den USA zeigte, dass telemedizinische Besuche die empathische Verbindung zwischen Arzt und Patient verringern und Unzufriedenheit und Misstrauen fördern, insbesondere bei Menschen, die sich als Schwarze, Hispanoamerikaner und amerikanische Ureinwohner identifizieren.
Vertrauen in Rechts- und Haftungsfragen
Für Ärztinnen und Ärzte sowie andere Gesundheitsdienstleister ist es wichtig, ihre Handlungsfähigkeit zu behalten. Dafür benötigen sie Vertrauen in die rechtlichen und haftungsrechtlichen Rahmenbedingungen der Telemedizin, einschließlich der Regelungen zur ärztlichen Haftung, der Abrechnung und des Versicherungsschutzes für telemedizinische Leistungen. Zu rechtlichen Fragestellungen und Herausforderungen hatte ich in der Vergangenheit mehrfach vertiefende Beiträge mit Rechtsanwältin Sylvia Manteufel, Kanzlei für Telemedizin & Medizinrecht verfasst:
Telemedizin in der Praxis: Der Weg zur Telemedizinpraxis
Telemedizin in der Praxis: Digitale Arztpraxis oder Telemedizinpraxis?
Vertrauen spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg und die Akzeptanz von Telemedizin. Es beeinflusst maßgeblich die Patientenerfahrung und fördert die effektive Nutzung telemedizinischer Dienste. Als Schlüsselfaktor ist Vertrauen unerlässlich, um ein positives Umfeld für die Telemedizin zu schaffen und das Vertrauen von Patient:innen und Fachkräften in diese innovative Form der Gesundheitsversorgung zu stärken.
Vertrauen aufbauen und steigern
Wie kann das Vertrauen in Telemedizin gesteigert werden?
- Transparenz und Aufklärung: Klare Kommunikation über die Vorteile, Grenzen und Risiken der Telemedizin sowie die Bereitstellung von Bildungsressourcen für Patient:innen und Gesundheitsdienstleister können Vertrauen aufbauen und Missverständnisse reduzieren. Für medizinische Berufe bietet die Integration von Telemedizin und digital-Health-Anwendungen in die Aus- und Weiterbildung an. Eine Online-Umfrage in Österreich aus 2021 zeigte, dass nur 1% der Nachwuchsmediziner:innen (n=660) sich sehr gut über die Telemedizin informiert fühlte. Selbst wenn sich hier in den letzten Jahren einiges getan hat, bleibt viel ungenutztes Potenzial. Wenn die erste Hürde der Nutzung genommen ist, hilft eine offene und empathische Kommunikation dabei, dass sich eine positive Gesundheitsdienstleister-Patient-Beziehung entwickelt. Einige Curricula für medizinische Fachkräfte, die im Telemedizinbereich tätig sind, beinhalten daher insbesondere gezielte Kommunikationsschulungen.
- Qualitätssicherung und Zertifizierung: Die Einhaltung hoher Qualitätsstandards und Zertifizierungen für telemedizinische Plattformen und Anwendungen kann das Vertrauen in die Technologie und die Qualität der Versorgung stärken. Neben den erforderlichen Zertifizierungen wie die MDR-Zertifikate gibt auch darüber hinaus ergänzende Zertifikate z. B. von der Deutsche Gesellschaft für Kardiologie – Herz- und Kreislaufforschung e.V. (DGK) für Telemedizinzentren (TMZ).
- Datenschutz und Sicherheit: Die Implementierung robuster Datenschutz- und Sicherheitsmaßnahmen, einschließlich Verschlüsselung, Zugriffskontrollen und Compliance mit Datenschutzbestimmungen, ist entscheidend, um das Vertrauen in die Vertraulichkeit und Sicherheit von Gesundheitsdaten zu gewährleisten. Vor dem Hintergrund der sich häufenden Cyber-Angriffe auf kritische Infrastruktur wie Krankenhäuser wird dieser Aspekt zukünftig stark im Fokus sein.
Indem diese Maßnahmen umgesetzt werden, können Organisationen und Stakeholder das Vertrauen in Telemedizin aufbauen und fördern und die Akzeptanz dieser in der Gesundheitsversorgung verbessern.
Fazit
Auch wenn Telemedizin in vielen Bereichen geeignet ist, um die Gesundheitsversorgung zu verbessern, sei es in unterversorgten Gebieten, zur Entlastung der Arztpraxen vor Ort oder zur Einbindung einer medizinischen Spezialexpertise. Trotz ihres Potenzials ist Telemedizin jedoch noch nicht flächendeckend etabliert. Das Vertrauen spielt hierbei eine entscheidende Rolle. Untersuchungen zeigen, dass häufig bestehende Bedenken, insbesondere was die Qualität der Versorgung und den Datenschutz betrifft zu einer ablehnenden Haltung führen. Daher ist es wichtig, Kompetenz zu vermitteln und Vertrauen in die Telemedizin aufzubauen und zu stärken. Dazu gehören Vertrauen in die Technologie, in die Qualität der Versorgung und in rechtliche Fragen. Durch Transparenz, Aufklärung, Qualitätsstandards, Datenschutzmaßnahmen und Schulungen können Organisationen und Stakeholder das Vertrauen in Telemedizin fördern und ihre Akzeptanz in der Gesundheitsversorgung verbessern.
Mehr dazu lesen?
Ladin K et al. Perceptions of Telehealth vs In-Person Visits Among Older Adults With Advanced Kidney Disease, Care Partners, and Clinicians. JAMA Netw Open. 2021 Dec 1;4(12):e2137193. doi: 10.1001/jamanetworkopen.2021.37193. PMID: 34870680; PMCID: PMC8649833.
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