DigitalHealth, Telemedizin und Krankenkassen: Die Zukunft der Gesundheitsversorgung

Die Digitalisierung verändert das Gesundheitswesen tiefgreifend – die Telemedizin spielt dabei eine wichtige Rolle. Krankenkassen stehen im Zuge dessen vor der Herausforderung, nicht nur die Rolle des Kostenträger zu spielen, sondern ihren Versicherten auch als digitale Lotsen durch das sich verändernde Gesundheitssystem zur Seite zu stehen. Diese Entwicklung eröffnet neue Chancen für die Krankenkassen. In dem Beitrag beleuchten wir, wie Krankenkassen in Deutschland, der Schweiz und Österreich ihre Rolle im digitalen Gesundheitswesen neu gestalten: Digitalhealth und Telemedizin und die Rolle der Krankenkassen – wo geht die Reise hin?

Telemedizin: Ein Schlüssel zur Schließung von Versorgungslücken

Die EY Digital-Health-Studie 2024 zeigt, dass Telemedizin in Deutschland zwar zunehmend als wichtige Ergänzung der Gesundheitsversorgung anerkannt wird, aber noch nicht ausreichend genutzt wird. Als Beispiel wird genannt, dass obwohl 86 % der Versicherten die Vorteile von Videosprechstunden sehen, viele weiterhin auf traditionelle Arztbesuche setzen. Obwohl in ländlichen und strukturschwachen Gebieten insbesondere die Telemedizin eine Lösung für bestehende Versorgungslücken darstellen kann.

Wie schaut es in Österreich und der Schweiz aus?

DACH-Ländervergleich: Digitalhealth, Telemedizin und die Rolle der Krankenkassen in Schweiz und Österreich

Schweiz: In der Schweiz haben Krankenkassen bereits eine Vorreiterrolle bei der Förderung von Telemedizin übernommen. Viele Krankenkassen bieten spezielle Versicherungsmodelle an, bei denen Versicherte verpflichtet sind, zunächst eine telemedizinische Konsultation in Anspruch zu nehmen, bevor sie einen Arztbesuch vor Ort vereinbaren können. Diese Modelle können helfen, Kosten zu reduzieren und die Effizienz des Gesundheitssystems zu steigern, indem unnötige Arztbesuche vermieden werden. Zudem setzen Krankenkassen in der Schweiz zunehmend auf hybride Modelle, bei denen Telemedizin und herkömmliche Arztbesuche kombiniert werden. Dabei spielen Videosprechstunden eine eher untergeordnete Rolle. Die aktuelle Studie von Mazouri-Karker S et al. zeigt, dass sowohl Patienten als auch Ärzte das Telefonat gegenüber anderen Telemedizin-Formaten bevorzugten, insbesondere für allgemeine medizinische Situationen.


Exkurs Krankenversicherung in der Schweiz

In der Schweiz kann aktuell zwischen 44 zugelassenen Krankenversicherungen gewählt werden (Stand Oktober 2024). Die Versicherten können den an ihrem Wohnort tätigen Versicherungsträger frei wählen. Dabei müssen die Versicherer in ihrem Tätigkeitsgebiet jede versicherungspflichtige Person aufnehmen. Die Versicherten können alle Versicherungsformen (Franchisestufen, freie oder eingeschränkte Wahl der Leistungserbringer) wählen, die der Versicherer an ihrem Wohnort anbietet. (Quelle: Bundesamt für Gesundheit BAG)

Zum Vergleich, in Deutschland sind rund 73 Millionen Versicherte (etwa 90%) von einer gesetzlichen Krankenkasse versorgt und etwa 10% von einer privaten Krankenversicherung. Stand September 2024 gibt es in Deutschland 96 gesetzliche Krankenversicherungen, von denen die TK mit ca. 8,3 Millionen Mitgliedern die größte ist. (Quelle: Statista)


Österreich: In Österreich hat die Corona-Pandemie den Einsatz telemedizinischer Anwendungen beschleunigt. Die Sozialversicherungsträger haben dabei eine wichtige Rolle gespielt, indem sie die Erstattung telemedizinischer Behandlungen in ihren Tarifverträgen ermöglicht haben. Dies begann als Pilotprojekt der Österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK) im Jahr 2019 und wurde seither erweitert. Die österreichischen Krankenkassen bieten auch Services wie „visit-e“, ein kostenloser Videokonsultationsdienst, an, der österreichweit verfügbar ist. Die Steuerung der Patient:innen zum „Best-Point-of-Care“ mit dem Grundsatz “digital vor ambulant vor stationär” ist in der Gesundheitsreform 2023 fest verankert. Dabei soll mit Hilfe der digital unterstützten Patient:innen-Journey ein niederschwelliger Zugang und ein klarer Weg durch das Gesundheitssystem geschaffen werden. Eine verpflichtende Inanspruchnahme einer telemedizinischen Beratung wie in der Schweiz gibt es hingegen nicht.


Exkurs Krankenversicherung in Österreich

Die Sozialversicherung ist in Österreich berufsständisch organisiert. Seit der Strukturreform 2020 wird unterschieden zwischen der ÖGK – der Versicherung für unselbständig Erwerbstätige, Pensionisten und ehemalige Versicherte der Gebietskrankenkassen sowie einiger Betriebskrankenkassen, der BVAEB – für öffentlich Bedienstete, Eisenbahner, Beamte, Vertragsbedienstete und der SVS – der Versicherung für Gewerbetreibende, Freiberufler und Landwirte. (Quelle: Sozialministerium)


Krankenkassen als Lotsen im digitalen Gesundheitswesen

Ein zentrales Ergebnis der EY-Studie ist, dass sich Versicherte zunehmend wünschen, dass ihre Krankenkasse nicht nur als Zahlstelle, sondern als aktiver Lotse durch das Gesundheitssystem agiert. Dies ist kein neuer Trend, bereits 2021 kam die BKK im Rahmen einer Kundenbefragung (n = 5.000) zu ähnlichen Ergebnissen.

72 % der Befragten sehen ihre Krankenkasse gerne als Ansprechpartnerin für ihre optimale Gesundheitsversorgung. Dies bietet den Krankenkassen die Chance, sich als digitale Begleiter ihrer Versicherten neu zu positionieren. Hier können telemedizinische Angebote hilfreich sein, um Patienten in schwierigen Versorgungssituationen schnell und effizient zu unterstützen. Krankenkassen kooperieren hierzu mit Telemedizinanbietern. Sie finanzieren ihren Versicherten beispielsweise einen Online-Hautcheck über einen bestimmten Telemedizinanbieter.

Personalisierte Angebote und Apps: Ein wichtiger Schritt in Richtung Zukunft

Die EY-Studie hebt ebenfalls hervor, dass personalisierte Angebote von den Versicherten stark nachgefragt werden. Eine integrierte App, die alle Services der Krankenkasse bündelt, könnte einen wichtigen Beitrag zur besseren Versorgung leisten. Bereits heute nutzen über 54 % der Versicherten digitale Services über eine App, und 81 % wünschen sich, dass sie alle Leistungen in einer einzigen Anwendung finden können. Dies bietet Krankenkassen die Möglichkeit, ihre digitalen Gesundheitsleistungen – inklusive Telemedizin – durch einfache und ansprechende digitale Lösungen gezielt zu vermarkten.

Allerdings ist es nicht damit getan, digitale Angebote zu haben. Viele Versicherte kennen die bestehenden digitalen Möglichkeiten ihrer Krankenkasse gar nicht oder nur oberflächlich. Auch das zeichnete sich bereits 2021 in der BKK Befragung ab. Digitale Angebot sind zum Teil unbekannt, was sich nicht zuletzt in der geringen Inanspruchnahme widerspiegelt. Krankenkassen können hier durch gezielte Marketing- und Kommunikationsaktivitäten, die Akzeptanz und Nutzung ihrer digitalen und telemedizinischen Angebote steigern.

Fazit: Die Zukunft der Krankenkassen ist digital

Die Kombination aus Telemedizin, personalisierten Angeboten und innovativen digitalen Lösungen bietet Krankenkassen die Chance, sich neu aufzustellen und die Gesundheitsversorgung ihrer Versicherten aktiv mitzugestalten. Dabei sollten sie nicht nur als Kostenträger, sondern als zentrale Akteure im digitalen Gesundheitswesen wahrgenommen werden. Um die Potenziale der Telemedizin voll auszuschöpfen, bedarf es einer klaren Strategie, gezielter Kommunikation und der Förderung der Akzeptanz bei den Versicherten.

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