Demenz und Telemedizin
In diesem Beitrag geht es um Demenz und die Rolle der Telemedizin in der Diagnostik und in der Behandlung von Demenz. Was sind die Grenzen? Welche Rolle kann künstliche Intelligenz spielen?
Demenz ist eine Krankheit, die das Gedächtnis und die Denkfähigkeit einer Person betrifft. Dabei können die Gedächtnisleistung und andere Denkfähigkeiten so weit eingeschränkt werden, dass die Betroffenen nicht mehr in der Lage sind, ihre alltäglichen Aufgaben ohne Hilfe zu bewältigen. In Deutschland leben etwa 1,8 Millionen Menschen mit einer Demenz.
Welchen Beitrag können telemedizinische Anwendungen in der Diagnostik und Versorgung leisten?
Videosprechstunde
Weltweit erhalten laut aktueller Forschung Millionen demenzkranker Menschen nie ihre Diagnose. Gerade für Menschen in unterversorgten Regionen oder Menschen mit eingeschränkter Mobilität stellt der Zugang zur fachärztlichen Expertise eine große Herausforderung dar. Für diese haben telemedizinische Anwendungen, wie die Videosprechstunde ein enormes Potenzial.
Aktuelle Studien zeigen, dass die Videosprechstunde gerade für Patient:innen, die weniger mobil sind, eine hochflexible und individuelle Behandlungsoption darstellt. Unter Berücksichtigung der notwendigen Rahmenbedingungen, dass z.B. Angehörige den Praxisbesuch begleiten müssen, bieten solche telemedizinischen Optionen eine Erleichterung für die Betroffenen. Menschen, die an einer Demenz erkrankt sind, fühlen sich oft in ihrer gewohnten Umgebung am wohlsten. Durch den Einsatz von Telemedizin können sie medizinische Versorgung in einer vertrauten und komfortablen Umgebung erhalten, was zu einer insgesamt besseren Erfahrung führen kann. Erste Ergebnisse der telemedizinischen Demenzdiagnostik sind positiv. Aufgrund der geringen Anzahl an Studien und Teilnehmenden können jedoch noch keine allgemeingültigen Aussagen getroffen werden. Überdies gibt es auch im Jahr 2024 noch Regionen, in denen aufgrund fehlender oder instabiler Internetzugänge rein infrastrukturell keine Videosprechstunden möglich sind. Daneben ist zu berücksichtigen, dass z. B. kognitive Beeinträchtigungen und damit verbundene Hemmnisse im Umgang mit der Technik oder auch diesbezügliche Ängste durchaus eine relevante Hürde darstellen.
Umfasst die Telemedizin lediglich das Element der Videosprechstunde, sind die Versorgungsmöglichkeiten etwas reduziert. Formen der apparativen Diagnostik (z.B. Labor, differenzierte neuropsychologische Diagnostik) können per Videosprechstunde in der Regel nicht abgebildet werden. Für eine fachärztliche Ersteinschätzung z. B. auch von Menschen in Pflegeeinrichtungen, zur Planung weiterer relevanter Schritte oder für Verlaufskontrollen kann die Videosprechstunde jedoch hilfreich sein.
Mit der Möglichkeit für die ärztlichen Behandler:Innen, die Videosprechstunde zukünftig auch ortsunabhängig, z. B. im Home-Office, durchführen zu können, werden letztlich nicht nur Demenzpatient:innen von einer Zunahme an telemedizinischen Leistungsangeboten profitieren.
In der nationalen Demenzstrategie wird das Potenzial telemedizinischer Leistungen für die Versorgung von Demenzpatient:innen erkannt und weiterer Forschungsbedarf in diesem Bereich festgestellt, unter anderem wird das Potenzial von künstlicher Intelligenz betont.
Künstliche Intelligenz
Zahlreiche Tracking-, Sensor- und Assistenztechnologien unterstützen Betroffene, Angehörige und professionell Pflegende. Schon seit Jahren gibt es Sensoren, die Emotionen von Menschen erfassen können. Im Demenzkontext wäre ein Einsatz z.B. im Biographie-Training denkbar: Die Betroffenen sehen z.B. biographische Bilder und Videos auf einem Tablet, die Sensoren erfassen die emotionalen Reaktionen, die ggf. in der Mimik des Betroffenen nicht sichtbar sind, und mittels KI können dann in einer bestimmten Richtung weitere Bilder oder Medien gezeigt werden, um die Person zu aktivieren.
Mit dem Projekt Dementia VoiceBots wird ein anderer Ansatz verfolgt. Die VoiceBots adressieren die Kommunikationsfähigkeit von Menschen mit Demenz. Während eines Telefongesprächs regen die VoiceBots die Betroffenen durch gezielte Fragen zu geeigneten Sprach- und Rehabilitationsübungen an. Telemedizinisch ergänzt, könnten bestimmte Übungen basierend auf dem medizinischen Bedarf ausgewählt und der Trainingsfortschritt überwacht werden.
An der TU München entwickeln Forschende im Forschungsprojekt Deepmentia ein KI-Tool, das dabei hilft, die vier häufigsten Demenztypen schnell und treffsicher zu unterscheiden. Das KI-Verfahren rekonstruiert in Sekundenschnelle die Oberfläche des Kortex. Bei Vorliegen einer Demenzerkrankung nimmt die Dicke dieser Schicht an der Oberfläche des Gehirns ab. Das entstehende Muster erlaubt Aufschluss über die Art der Demenz. Wenn solche Lösungen in die Versorgung kommen, könnte z.B. die behandelnde Hausarztpraxis ein erstes telemedizinisch unterstütztes Screening übernehmen. Gerade auch bei selteneren Demenzerkrankungsformen können solche Lösungen zu einer schnelleren Diagnostik führen.
Im internationalen Forschungsprojekt Predictom soll eine Plattform geschaffen werden, die das Erkennen früher Anzeichen von Demenz erleichtert. Hierzu werden unterschiedliche Daten und Biomarker erfasst (u.a. Stuhl, digitale Marker, Speichel). Im Rahmen des Projekts werden die Studienteilnehmenden einen erheblichen Anteil der dafür notwendigen Datenerhebungen zu Hause durchführen. Die Daten werden über die betreuende Hausarztpraxis oder ortsunabhängig über telemedizinisch angebundene Behandler:innen gesammelt und schließlich mithilfe einer künstlichen Intelligenz ausgewertet, um eine individuelle eine Risikovorhersage zu treffen.
Fazit
Telemedizinische Ansätze können den Zugang zur medizinischen Versorgung verbessern, leitliniengerechte Behandlung unterstützen, Hospitalisierungen vermeiden und die Wartezeiten für Patient:innen reduzieren. Gleichzeitig stellen das fehlende Bewusstsein für telemedizinische Versorgungsformen, eine unzureichende Digitalkompetenz, sowie hemmende rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen Barrieren für die Etablierung telemedizinischer Versorgungsangebote bei Demenz dar. Insbesondere die Nutzung von KI ist vielversprechend und kann in Verbindung mit Telemedizin die Qualität der Versorgung von Menschen mit Demenz verbessern, indem sie den Zugang zu medizinischer Versorgung erleichtert und die Kontinuität der Versorgung sicherstellt.
Mehr dazu lesen?
Mehr zum Krankheitsbild Demenz vom BMG
Ratgeber Demenz für Angehörige
Fehlender Zugang zur Diagnostik, Studienlage: McCleery J, Laverty J, Quinn TJ. Diagnostic test accuracy of telehealth assessment for dementia and mild cognitive impairment. Cochrane Database of Systematic Reviews 2021, Issue 7. Art. No.: CD013786. DOI: 10.1002/14651858.CD013786.pub2.
Forschungsprojekte Dementia VoiceBots Predictom Deepmentia
Mehr zur Telemedizin lesen?
- Telemedizin in 2024
- Hier gehts weiter zum Angebot der telmedicon
Pingback: Telemedizin in der Neurologie - telmedicon GmbH