Telemedizin in der Neurologie
Neurologische Erkrankungen zählen zu den komplexesten Herausforderungen in der medizinischen Versorgung. Das nicht nur wegen ihres häufig progressiven Charakters, sondern auch, weil sie hochgradig individualisierte Behandlungsansätze erfordern. In ländlichen Regionen fehlen oft spezialisierte Anlaufstellen. Telemedizinische Ansätze können genau hier ansetzen, zum Beispiel mit digitalen Diagnostiktools, interdisziplinären Netzwerken und digitalen Therapiebegleitungen. Sechs aktuelle Entwicklungen zeigen, wie vielfältig Telemedizin im Bereich der Neurologie bereits heute eingesetzt wird und wie Patient:innen die Telemedizin wahrnehmen.
Epilepsie: TENEAM – Teleneurologie als Baustein hausärztlicher Versorgung
Gerade bei Epilepsie ist die wohnortnahe neurologische Expertise im ländlichen Raum schwer verfügbar. Das Projekt TENEAM in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern adressiert diese Unterversorgung. Hausärzt:innen können Patient:innen mit Symptomen wie peripheren Neuropathien, Epilepsien oder Multiple Sklerose (MS) direkt in eine teleneurologische Sprechstunde überweisen. Die neurologische Expertise wird digital eingebunden, Diagnostik und Empfehlungen erfolgen zeitnah und ortsunabhängig. Eine begleitende Evaluation untersucht Versorgungsqualität, Lebensqualität und Kosten-Nutzen-Verhältnis. Ziel ist es, durch geeignete Technik und insbesondere durch sektorenübergreifende Prozesse bestehende Versorgungslücken zu schließen.
Alzheimer-Früherkennung per App: Selbsttests als Einstieg
In der Alzheimer-Diagnostik ist der Früherkennung entscheidend. Je früher Veränderungen erkannt werden, desto größer sind die Chancen für wirksame Therapien. Die neotiv-App, entwickelt in Kooperation mit dem Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE), ermöglicht es älteren Menschen, standardisierte Gedächtnistests selbstständig per Smartphone oder Tablet durchzuführen. Eine Studie mit fast 200 Teilnehmenden zeigte eine hohe Übereinstimmung mit klassischen neuropsychologischen Verfahren. Die App erkennt subtile Veränderungen, die auf kognitive Beeinträchtigungen hindeuten, und könnte künftig helfen, Frühverläufe digital zu monitoren. Das ist besonders spannend vor dem Hintergrund, dass bei einigen Therapien der Zeitpunkt der Diagnose entscheidend ist.
Parkinson: Kontinuierliche Versorgung durch vernetzte Zentren und digitale Tools
Parkinson erfordert eine kontinuierliche Anpassung der Therapie. Telemedizinische Lösungen können dazu beitragen, Schwankungen frühzeitig aufzufangen. Das Netzwerk PARKLINK, koordiniert vom LMU Klinikum, vereint elf Kliniken in Bayern zur wohnortnahen Versorgung von Parkinson-Patient:innen. Neben telemedizinischen Fallkonferenzen kommt hier auch Fernanpassung von Hirnstimulatoren zum Einsatz. Wearables liefern Bewegungsdaten, die Rückschlüsse auf Symptomverläufe zulassen und eine individuelle Therapieanpassung ermöglichen.
Die PLOS-ONE-Studie (2025) belegt zusätzlich, dass digital gestützte Plattformen bei Parkinson erfolgreich für symptomorientiertes Remote Monitoring eingesetzt werden können. In der Studie wurden Sprache, Mobilität und subjektives Wohlbefinden regelmäßig digital erfasst, auch unter realen Alltagsbedingungen. Die Ergebnisse zeigen nicht nur eine hohe Akzeptanz, sondern auch die Möglichkeit, Therapieeffekte frühzeitig zu erkennen und wissenschaftlich zu begleiten. Besonders für fortgeschrittene Stadien mit motorischen Schwankungen bietet die digitale Begleitung eine große Chance, Therapiebedarf präziser zu erfassen und unnötige Klinikaufenthalte zu vermeiden.
ALS: Perspektiven für kontinuierliches digitales Monitoring
Auch bei Amyotropher Lateralsklerose (ALS) kann Telemedizin einen Unterschied machen. ALS ist geprägt von einem fortschreitenden Verlust an Kommunikations- und Bewegungsfähigkeit. Telemedizinische und digitale Begleitung kann hier ein Stück Kontinuität und Sicherheit schaffen. Mittels adaptiver Interfaces, Eye-Tracking oder vereinfachten Audioeingaben, ermöglichen technische und telemedizinische Lösungen eine kontinuierliche Begleitung auch im fortgeschrittenen Krankheitsverlauf. Integriert in Studien- oder Versorgungsnetzwerke könnten solche Tools künftig helfen, Krankheitsverläufe besser zu dokumentieren, Therapieeffekte zu bewerten und Patient:innen gezielter zu entlasten.
Schlaganfall: Telemedizinische Visiten in der Nachsorge
Während die Akutversorgung von Schlaganfällen längst von telemedizinischen Konsultationen profitiert, ist die Nachsorge bislang weniger im Fokus, obwohl Patient:innen nach der Akutphase besonders anfällig für Komplikationen sind. Genau hier setzt die aktuelle VISIT STROKE-Studie an. In vier großen Telestroke-Netzwerken in Deutschland wird untersucht, ob telemedizinische Visiten in der stationären Weiterbehandlung eine vergleichbare Qualität erreichen wie Visiten durch vor Ort anwesende Neurolog:innen.
Das Studiendesign sieht vor, dass Patient:innen innerhalb der ersten drei Tage nach Aufnahme sowohl telemedizinisch als auch vor Ort untersucht werden. Die Bewertungen erfolgen anhand klar definierter Qualitätsindikatoren, etwa zur korrekten Diagnose, zur Erkennung von Komplikationen oder zur Auswahl geeigneter Rehabilitations- und Präventionsmaßnahmen.
Digitale Biomarker: Neue Ansätze in der Neurologie
Während Telemedizin Versorgung näher an Patient:innen bringt, liefern digitale Biomarker die Datenbasis, um diese Versorgung individueller zu gestalten. KI-gestützte Pupillometrie kann subtile Veränderungen der Pupillenreaktion erfassen, die Hinweise auf neurodegenerative Prozesse geben. Auch die Analyse von Augenbewegungen entwickelt sich zu einem wertvollen Werkzeug: Erste Studien zeigen, dass Machine-Learning-Modelle Schlaganfall-bedingte Ausfälle von vestibulären Störungen (wie Schwindel durch Erkrankungen des Gleichgewichtsorgans im Innenohr) unterscheiden können.
Solche Verfahren haben großes Potenzial, weil sie objektive und kontinuierlich messbare Daten liefern, auch in telemedizinischen Settings. Langfristig könnten digitale Biomarker helfen, Krankheitsverläufe präziser zu monitoren, Therapien schneller anzupassen und die Versorgung gerade in der Fläche stärker zu personalisieren.
Patient:innenperspektive
Aus Sicht der Patient:innen zeigt sich, dass Telemedizin nicht nur medizinische Prozesse verändert, sondern auch den Alltag spürbar erleichtert. In einer großen Untersuchung an einem Bewegungsstörungszentrum berichteten die meisten Teilnehmenden, dass sie mit Televisiten genauso zufrieden waren wie mit Präsenzterminen. Besonders geschätzt wurden die bessere Erreichbarkeit der Spezialist:innen, die Zeitersparnis und die Entlastung von aufwändigen Anfahrten. Auch ältere Patient:innen konnten die Technik gut nutzen – oft mit Unterstützung durch Angehörige. Viele wünschten sich allerdings keinen vollständigen Ersatz der Vor-Ort-Kontakte, sondern eine flexible Kombination: Telemedizin dort, wo Wege und Belastungen reduziert werden können, und Präsenztermine, wenn persönliche Nähe wichtig ist
Fazit
Ob Alzheimer, Parkinson, Epilepsie oder ALS – Telemedizin ermöglicht neue Wege für eine bessere neurologische Versorgung. Besonders spannend sind Modelle, die digitale Diagnostik, interdisziplinäre Netzwerke und patientennahe Alltagsbegleitung kombinieren. Auch Schlaganfall und neue Biomarker zeigen, wie Telemedizin Versorgung weiterentwickelt – von der Akutbehandlung bis zur kontinuierlichen Begleitung. Entscheidend ist, dass diese Lösungen mehr sind als Technik – sie schaffen neue Versorgungslogiken, in denen Nähe, Qualität und Forschung nicht mehr an den Ort gebunden sind.
Mehr dazu lesen?
Herm, J., Erdur, H., Aigner, A. et al. VISIT STROKE: non-inferiority of telemedicine-based neurological consultation for post-acute stroke patients – protocol of a prospective observational controlled multi-center study. BMC Health Serv Res 24, 1246 (2024).
Browne JD, Green KE. Editorial: Artificial intelligence and telemedicine: applications to vascular neurology, neuro-ophthalmology, neuro-otology, and epilepsy: advancing teleneurology with artificial intelligence and digital biomarkers. Front Neurol. 2025 Mar 25;16:1582142
Farrokhi, Z., Zakavi, S. A., Sarafraz, A., Valifard, M., Yousefzadeh, S., Mashhadi Tafreshi, Z., Anbiyaee, O., Rostami, N., Asadi Anar, M., & Deravi, N. (2025). Acoustic signatures of bulbar ALS: Predictive modeling with sustained vowels and LightGBM. Environmental Science and Ecotechnology, 15, 100579.
Zhu, Z et al. (2025). Finger drawing on smartphone screens enables early Parkinson’s disease detection through hybrid 1D-CNN and BiGRU deep learning architecture. PLOS ONE, 20(7), e0327733.
Mishra S, Dhuna N, Lancki N, Yeh C, Larson DN. Telehealth utilization and patient satisfaction in an ambulatory movement disorders center during the COVID-19 pandemic. J Telemed Telecare. 2024 Sep;30(8):1293-1299