Grenzen der Telemedizin

Telemedizin – nicht für jede und jeden

Die Telemedizin bietet zahlreiche Vorteile, die in unseren Beiträgen immer betont werden. Nichtsdestotrotz hat die Telemedizin auch ihre Grenzen. Diese wollen wir in diesem Beitrag etwas näher beleuchten. Wir gehen dabei sowohl auf die Perspektive der Leistungserbringer als auch auf die der Patientinnen und Patienten ein.

Vorteile der Telemedizin

Patientinnen und Patientenperspektive

Perspektive der medizinischen Leistungserbringer

  • Schneller Arztkontakt – die notwendigen Schritte bis zum Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin reduzieren sich beispielsweise auf das Starten einer App und die Beantwortung von wenigen Fragen
  • Anfahrtswege, Parkplatzsuche und ggf. Wartezeiten können entfallen
  • Das Ansteckungsrisiko in Praxisräumen wird reduziert.
  • Die (zeitlich begrenzte) kontinuierliche Überwachung von für die Behandlung entscheidenden medizinischen Messdaten, beispielsweise bei chronischen Erkrankungen oder auch in einem akuten Verlauf, kann mithilfe von Telemonitoring erfolgen.
  • Die Einbindung weiterer ärztlicher Expertise für Diagnostik- oder Therapieentscheidungen vor Ort (z.B. bei speziellen Fachfragen, seltenen Erkrankungen oder einer Akutversorgung) ist einfacher und schneller möglich.
  • Erfasste Daten liegen digital vor und können allen am Versorgungsprozess Beteiligten zugänglich gemacht werden, Nicht erforderliche Doppeluntersuchungen können entfallen.

  • Bessere Nutzung knapper medizinischen Ressourcen, da zum Beispiel im Rahmen telemedizinischen Funktionsanalysen bei ICD-/CRT-PatientInnen nur jene dann ambulant einbestellt werden, bei denen ein tatsächlicher Handlungsbedarf besteht.
  • Verbesserung der interdisziplinären und intersektoralen Zusammenarbeit und des kollegialen fachlichen Austausches durch einfachere und schnellere Einbindung ärztlicher KollegInnen in die Diagnostik, Behandlung und Forschung.
  • Wenn Daten bereits elektronisch erfasst wurden, z. B. Schrittmacherdaten, Blutdruckdaten, Blutzuckerverläufe, können diese mit #KI vorausgewertet werden. Ein so entstandenes vollständigeres Datenprofil erleichtert die Diagnostik.
  • Mit Telemedizin können flexiblere Arbeitszeitkonzepte umgesetzt werden und damit wird der Arbeitsplatz ggf. attraktiver für das medizinische Personal.
  • Leichtere und effizientere Organisation von Behandlungsprozessen, Aufnahme- und Entlassmanagement sowie Arzt-Patientengesprächen zur Besprechungen von Untersuchungsergebnissen und Anamnesen oder zur allgemeinen medizinischen Beratung.

Grenzen der Telemedizin

Medizinische Grenzen

Es gibt in der Medizin zahlreiche Beschwerdebilder, Krankheiten, die nicht telemedizinisch diagnostiziert oder behandelt werden können, z. B. weil notwendige körperliche Untersuchungen nicht möglich sind. Aus diesem Grund werden zum Beispiel PatientInnen, die für die Abklärung akuter Symptomatiken einen Telemedizin-Dienstleister nutzen möchten, auch zu Beginn durch einen Fragebogen um die Angabe von Informationen gebeten, um anschließend die medizinische Situation und das mit dieser im Zusammenhang stehende Risiko einschätzen zu können. Es obliegt dann dem Arzt bzw. der Ärztin abzuwägen, ob eine telemedizinische Diagnostik und Behandlung im Einzelfall möglich ist.

Anbieter telemedizinischer Leistungen bieten teilweise auch hybride Diagnostikleistungen an, also eine Kombination aus telemedizinisch erbrachten Leistungen und Leistungen, die nicht digital erbracht werden. Ein hybrides Angebot wäre zum Beispiel, wenn neben den beschreibbaren und sichtbaren Symptomen noch weitere Werte, wie Labordaten zu Hause erfasst werden. Doch auch dieser Diagnostik sind Grenzen gesetzt, da Patientinnen und Patienten nur bestimmte Parameter selbst erfassen können (wie Abstriche, Speichel- und Urin oder Kapillarblutprobe aus der Fingerbeere). Eine sinnvolle Labordiagnostik setzt zum Teil jedoch Untersuchungen im Vollblut bzw. Blutserum voraus, welches lediglich durch medizinisches Personal abgenommen werden kann.

Für Patientinnen und Patienten mit bestimmten motorischen oder kognitiven Einschränkungen sind telemedizinische Angebote nicht geeignet. In unseren telemedizinischen Programmen für chronisch Kranke mussten wir beispielsweise Personen mit Gehörlosigkeit oder Schwerhörigkeit ausschließen, da ein Teil des Programms mittels telefonischer Beratung erfolgte.

Technologische Grenzen

Für Menschen mit geringer Digitalaffinität oder Menschen mit bestimmten Handicaps kann die Nutzung digitaler Angebote eine hohe Hürde darstellen.

Selbst wenn die Menschen digital affin sind, kann es sein, dass schlicht das mobile oder stationäre Internet an ihrem Standort nicht ausreichend stabil oder die Datenrate zu gering ist, so dass eine telemedizinische Beratung, Diagnostik usw. nicht erfolgen kann.

Organisatorische und wirtschaftliche Herausforderungen

Anbieter telemedizinischer Leistungen benötigen Ressourcen für den Aufbau (Konzeption), die Qualifizierung des Personals, die Einrichtung (z. B. Räume für Videosprechstunde einrichten), die Klärung der rechtlichen Situation (z. B. Aufklärung ihrer Patientinnen und Patienten) zu den telemedizinischen Leistungen.

Die Gestaltung der Prozesse innerhalb einer medizinischen Einrichtung auf Telemedizin umzustellen, ist je nach bestehender Struktur herausfordernd.

Die Durchführung telemedizinischer Leistungen, insbesondere komplexerer Angebote, zum Beispiel ein Telemonitoring-Programm für Herzinsuffizienz, für das bereits Anforderungen in Bezug auf Reaktionszeiten definiert sind, bedarf einer hohen Organisationsexpertise.

In der ärztlichen Praxis muss für Menschen mit Unterstützungsbedarf bei der Nutzung telemedizinischer Leistungen eine entsprechende (ggf. ad hoc) Unterstützung organisiert werden.

Eine Abrechenbarkeit nach Entgeltkatalog, fallbasierten Leistungspauschalen oder Analogziffern ist für die Telemedizin nur sehr begrenzt gegeben. Zum Teil ist beschränkt, wie häufig eine Leistung telemedizinisch erfolgen darf, zum Teil sind ganze Programme definiert (Herzinsuffizienz). Das wirtschaftlich nachhaltige Anbieten telemedizinischer Leistungen ist auch vor diesem Hintergrund anspruchsvoll.

Fazit

Telemedizin bietet einen großen Mehrwert für die Versorgung, aber sie ist nicht in jedem Fall zielführend. Mit dem Entschluss Telemedizin anbieten zu wollen, beginnt erst eine Reise mit umfangreichen Herausforderungen.

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