Wer sieht, klickt – wer nicht? Unsichtbare Barrieren der Telemedizin
Telemedizin wird oft als Fortschrittsmotor gepriesen – sie soll Versorgungslücken schließen, Zeit und Ressourcen sparen, und den Zugang zu medizinischer Hilfe erleichtern. Doch der Blick auf mehrere aktuelle Studien zeigt: Die bloße Existenz technischer Lösungen bedeutet nicht, dass diese auch für alle erreichbar sind. Vielmehr offenbaren sich tieferliegende, strukturelle und sozial geprägte Hürden.
Vier Nutzergruppen zeigen exemplarisch, wie tief soziale, kulturelle und gesundheitliche Faktoren in digitale Exklusion hineinwirken und wie unterschiedlich die Hürden wirken, obwohl alle Nutzer auf den ersten Blick dieselbe Technologie nutzen könnten.
Hürden am Beispiel von 4 Nutzergruppen
Menschen mit Migrationsgeschichte
Menschen mit Migrationsgeschichte stehen trotz funktionierender Technik vor sprachlichen, rechtlichen und sozialen Barrieren, die ihren Zugang systematisch erschweren. So untersuchte ein Forschungsteam die Nutzung digitaler Gesundheitsangebote bei Menschen mit Migrationshintergrund und fand heraus: Sprachbarrieren, Unsicherheit im Umgang mit Gesundheitsinformationen und ein niedriges Vertrauen in digitale Systeme führen dazu, dass bestehende Angebote kaum genutzt werden. Selbst dort, wo technisch alles funktioniert, fehlt es an passgenauer Ansprache und inklusivem Zugang. Verstärkt werden diese Barrieren durch soziale Determinanten wie Armut, beengte Wohnverhältnisse oder fehlende digitale Grundbildung, also Faktoren, die unabhängig vom Versorgungsformat (analog oder digital) den Zugang zu Gesundheitsleistungen einschränken. Auch rechtliche Unsicherheiten oder negative Erfahrungen mit Behörden können das Vertrauen in datengestützte Angebote mindern. Damit Telemedizin für Geflüchtete und Migrant:innen überhaupt eine Option darstellt, braucht es gezielte Anpassungen, etwa kulturell sensible Gestaltung und niedrigschwellige Lösungen, die technologische und soziale Zugangshürden zugleich adressieren.
Menschen mit chronischen Erkrankungen oder psychischen Belastungen
Auffällig ist auch, wie stark sich die digitale Gesundheitskompetenz auf die Inanspruchnahme von Telemedizin auswirkt. Für Personen mit psychischen Belastungen oder chronischen Erkrankungen sind es emotionale, motivationale und kognitive Hürden, die Telemedizin zur Herausforderung machen, unabhängig vom Lebensalter. Viele Betroffene fühlen sich durch technische Schnittstellen überfordert oder misstrauen digitalen Angeboten aufgrund mangelnder Transparenz, früherer Stigmatisierungserfahrungen oder fehlender persönlicher Ansprache. Gerade bei komplexeren Krankheitsbildern kann eine zu stark technisierte Kommunikation Unsicherheit oder Rückzug fördern, statt Entlastung zu bieten. Telemedizin erfordert hier nicht nur digitale Kompetenz, sondern auch Sicherheit und Vertrauen, das durch niedrigschwellige Begleitung und partizipatives Design gestärkt werden kann.
Menschen mit Behinderungen
Menschen mit Behinderungen, insbesondere mit Seh- oder kognitiven Einschränkungen, erleben digitale Angebote oft als unzugänglich, weil Design und Struktur ihre Lebensrealität nicht mitdenken. Viele Anwendungen sind schlicht unbrauchbar, zu wenig barrierefrei gestaltet, ohne Screenreader-Kompatibilität und mit schlecht navigierbaren Oberflächen. Studien berichten von Frustration, Hilflosigkeit und letztlich dem Verzicht auf digitale Angebote. Eine Untersuchung, die automatische erfasste realer Nutzungserfahrungen dokumentiert, zeigt, dass Betroffene durchschnittlich 12 Barrieren pro Woche erleben, was zu Frustration, zusätzlichem Zeitaufwand (durchschnittlich 2,4 Stunden pro Tag) und häufig auch zum Abbruch der Nutzung digitaler Angebote führt. Diese Gruppen werden zum Teil durch fehlende Antizipation ihrer Bedürfnisse im Design systematisch ausgeschlossen. Dabei gibt es durchaus technische Lösungen.
Ältere Menschen
Bei älteren Patient:innen wird deutlich, wie stark digitale Vorerfahrungen und Datenschutzsorgen das Nutzungsverhalten prägen, gerade in emotional herausfordernden Phasen wie der Krebsdiagnostik. So zeigt eine Studie zu onkologischen Patientinnen, dass die Zustimmung zur Telemedizin stark vom Alter und der digitalen Erfahrung abhängt. Altere Patientinnen oder solche mit geringen Vorerfahrungen im Umgang mit digitalen Anwendungen äußern häufiger Bedenken. Überaus sensibel wird der Umgang mit Diagnosen und die Wahrung der Privatsphäre empfunden, viele scheuen davor zurück, lebensverändernde Informationen per Video oder Telefon zu erhalten.
Was sagen Health Care Professionals zur digitalen Exklusion?
Mehrere Studien zeigen, dass Ärzt:innen, Pflegekräfte und Therapeut:innen die Herausforderungen bei vulnerablen Gruppen sehr bewusst wahrnehmen, aber oft das Gefühl haben, allein mit der Problemlage konfrontiert zu sein. In einer qualitativen Studie zur Primärversorgung in benachteiligten Bevölkerungsgruppen berichten Ärzt:innen, dass sie es als frustrierend empfinden, wenn digitale Lösungen an der Lebensrealität ihrer Patient:innen vorbeigehen. Sie versuchen oft, individuelle Umwege zu finden, z. B, durch zusätzliche Telefonate oder analoge Materialien, stoßen aber an zeitliche und strukturelle Grenzen. Viele formulieren den Wunsch nach einfacheren Tools, besserer Schulung und interprofessioneller Unterstützung, um digitale Teilhabe tatsächlich fördern zu können.
Auch eine aktuelle Befragung von Fachkräften in psychiatrischen Kliniken zur Einführung eines Patientenportals zeigt: Die grundsätzliche Haltung gegenüber digitalen Anwendungen ist positiv , doch die wahrgenommenen Hürden liegen zum Teil auch in der Sorge, dass bestimmte Patientengruppen ausgeschlossen werden könnten. Besonders benannt werden ältere Menschen, Personen mit geringer digitaler Kompetenz oder mit kognitiven Einschränkungen. Die Befragten betonen, dass digitale Angebote nur dann funktionieren, wenn sie mit menschlicher Zuwendung und unterstützender Begleitung verknüpft sind. Niedrigschwellige Zugänge, begleitende Vertrauenspersonen oder digitale Gesundheitslots:innen könnten hierbei zentrale Rollen spielen.
Fazit
Die Zukunft der Telemedizin entscheidet sich nicht an Bandbreiten oder App-Funktionen, sondern an der Frage: Wird sie wirklich für alle mitgedacht? Erst wenn Technik, Sprache, Vertrauen und soziale Realitäten zusammenspielen, entsteht echte Teilhabe.
Mehr dazu lesen?
Abasi, A., Fatemi Aghda, S.A., Zahedian, M. et al. (2025) An investigation into telemedicine utilization for refugee mental health: a systematic review. Global Health 21, 31
Hoffmann S, Hieber R, Walter CB, Engler T. (2025) Patient perspectives on perioperative telemedicine in female malignancies: the role of age, digital experience, and privacy concerns. Arch Gynecol Obstet
Busch K, Ten Hoor GA, Paschke K, Thomasius R, Arnaud N. (2025) Acceptance of online therapy for children and adolescents with digital media use disorders: perspectives from child and adolescent psychiatrists and psychotherapists in Germany. Eur Child Adolesc Psychiatry
Silverman, A. M., Abdolrahmani, A., Baguhn, S. J., Carranza, R. R. & Amorosino, B. B. (2024). Barriers to Digital Inclusion 2: Documenting digital access challenges for people who are blind or have low vision. American Foundation for the Blind.
Reinhardt, I., Holsten, R., Zielasek, J. et al. (2024) Implementation of an electronic patient portal in routine mental health care of hospitals in Germany – evaluation of attitudes of healthcare providers. BMC Health Serv Res 24, 1213
Mehr zu Grenzen der Telemedizin
Pingback: Telemedizin im Justizvollzug