Telemedizin im Bevölkerungsschutz
Ruhe, Zeit, ein Gespräch zu zweit – so gestaltet sich Telemedizin im Alltag. Lärm, Hektik, viele Verletzte – keine ärztliche Expertise vor Ort: In der Katastrophenmedizin herrschen andere Bedingungen. Und genau dort zeigt sich, was Telemedizin im Bevölkerungsschutz leisten müsste – und woran sie bislang oft scheitert.
Alltag und Ausnahme – zwei verschiedene Welten
Eine Videosprechstunde beginnt meist leise. Eine Ärztin schaut auf den Bildschirm, der Patient ist allein zugeschaltet, das Gespräch läuft in klarer Reihenfolge: Beschwerden schildern, Rückfragen, eventuell ein Blick auf den Hautausschlag, ein Rezept. Manchmal ist eine VERAH im Haus, ausgestattet mit mehreren Geräten – EKG, Blutdruck, Stethoskop, Tablet – alles abgestimmt auf genau einen Menschen zur genau richtigen Zeit.
Im Bevölkerungsschutz sieht das anders aus. Dort gibt es kein Vorgespräch und selten einen ruhigen Raum. Stattdessen: Lärm, Hektik, Schutzkleidung, Dämmerung. Dort, wo medizinische Entscheidungen schnell und unter Unsicherheit getroffen werden müssen, gelten andere Spielregeln. Telemedizin kann hier eine Rolle spielen – aber nur, wenn sie sich an diese Realität anpasst.
Triage statt Konsultation
Im Katastrophenfall ist das Ziel nicht eine ausführliche Betreuung einzelner, sondern eine schnelle Übersicht über viele. Eine Einsatzkraft steht vielleicht vor zehn verletzten Menschen – und muss in kürzester Zeit entscheiden, wer zuerst versorgt wird. Ein Telenotarzt kann unterstützen, aber nicht jede einzelne Maßnahme begleiten. Es geht nicht um eine Verbindung, die alles überträgt, sondern um Strukturen, die Orientierung geben: Ampellogik, Sichtungsalgorithmen, Kameraaufschaltung, Live-Bild aus der Drohne.
Auch die Technik selbst muss sich anpassen. Kleine Touchfelder und komplexe Menüs funktionieren schlecht, wenn Handschuhe getragen werden oder das Display nass ist. Was zählt, sind große Tasten/Icons, wenige Optionen, klare Rückmeldungen. Weniger ist hier mehr: Ein robuster Sensor mit klarer Signalgebung kann wertvoller sein als fünf vernetzte Geräte mit vollem Funktionsumfang.
Was bereits gelingt
Dass solche Lösungen machbar sind, zeigen zahlreiche Beispiele: Bei Großveranstaltungen wie Festivals kamen bereits mobile Einheiten mit Kamera, Headset und Telekonsil zum Einsatz. In einem realen Einsatzkontext konnten auf diese Weise Patient:innen mit internistischen Beschwerden oder unklaren Symptomen sicher begleitet werden – auch dann, wenn ärztliches Personal nicht unmittelbar verfügbar war. Die Technik unterstützte, das Setting war stabil, die Verläufe blieben unkritisch.
In einer simulierten kontaminierten Lage wurde mit Mini-PCs im Rucksack, externen Kameras und einem großen Bedienknopf gearbeitet – alles reduziert auf das, was sich im Schutzanzug wirklich bedienen lässt. Besonders bemerkenswert: Auch Einsatzkräfte mit geringer medizinischer Vorbildung konnten in Trainings stabilisierende Maßnahmen übernehmen, wenn sie telemedizinisch angeleitet wurden. Das zeigt: Wo ärztliche Verfügbarkeit begrenzt ist, kann die Delegation sinnvoller Maßnahmen gelingen – vorausgesetzt, sie ist klar strukturiert und die Systeme sind robust.
Neben diesen Formen der Fernbegleitung entstehen zunehmend auch Systeme, die nicht mehr nur unterstützen, sondern ganze Arbeitsschritte automatisieren. Dazu gehören etwa Drohnen, die für die Sichtung von Verletzten eingesetzt werden können – mit Wärmebildkamera, Geopositionierung und standardisierten Übertragungsprotokollen. In Szenarien mit vielen Betroffenen und wenigen verfügbaren Fachkräften kann das entscheidend sein, um Lagebilder zu erfassen, Prioritäten zu erkennen und erste Entscheidungen einzuleiten, bevor menschliches Personal überhaupt vor Ort ist. Solche automatisierten Sichtungen entlasten nicht nur, sie ersetzen in bestimmten Phasen auch. Vor allem dort, wo Menschen an ihre physischen oder psychischen Grenzen stoßen.
Die Studien weisen aber auch darauf hin, dass Ausbildung künftig mehr berücksichtigen muss als medizinische Inhalte allein. Wenn Technik ausfällt, braucht es sichere Alternativen – nicht nur technisch, sondern auch in der Kommunikation und Verantwortungsverteilung. Der Umgang mit Unsicherheit gehört zur Praxis – und muss geübt werden.
So überzeugend einzelne Systeme auch funktionieren – flächendeckend etabliert ist bislang kaum eines davon.
Was noch fehlt
Es mangelt also nicht an Ideen. Auch nicht an funktionierenden Prototypen. Was fehlt, sind die Strukturen, die diese Lösungen dauerhaft verankern. Es fehlt die Möglichkeit, solche Szenarien im großen Stil zu üben – über Organisationen und Zuständigkeiten hinweg. Es fehlen klare Haftungsregelungen, die Sicherheit geben, wenn vor Ort Entscheidungen auf Basis digitaler Rückkopplung getroffen werden. Und es fehlt vielerorts noch die Erfahrung, die Vertrauen schafft – das Vertrauen, dass man sich auf Technik, auf Prozesse und aufeinander verlassen kann, auch wenn alles andere unsicher ist.
Fazit
Telemedizin kann eine Brücke sein – zwischen Fachwissen und Einsatzort, zwischen Einzelperson und System, zwischen dem Jetzt und dem Notwendigen. Aber dafür braucht sie nicht nur Verbindung, sondern auch den Willen zur Umsetzung.
Mehr dazu lesen?
Die Simulationsstudie: Müller A, Kraus S, Arimond R, Kunczik J, Rossaint R, Czaplik M, Follmann A. Telemedicine in civil protection: A controlled simulation study for the analysis of patient care. Digit Health. 2024 Aug 18;10:20552076241272662. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11331573/
Die erwähnte Studie beim Musikfestival: Müller A, Arimond R, Kunczik J, Rossaint R, Czaplik M, Follmann A. Feasibility of telemedicine in civil protection: a prospective observational study during a music festival. World J Emerg Med. 2025;16(2):121-128. https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC11930555/
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