Telemedizin & Digital Health – Raus aus der Bubble
Digital Health & Telemedizin im Versorgungsalltag – wie können die Innovationen in der Gesundheitsversorgung ankommen? In diesem Artikel geht es um Wege aus der Digital-Health-Bubble. Die DMEA 2024 hat deutlich gezeigt, dass wir Innovation können, auch im Gesundheitswesen. Es herrscht Offenheit bis Euphorie für viele tolle Digital-Health-Lösungen, neue Versorgungsansätze werden vorgestellt, KI dringt weiter in Diagnostik, Prävention und Behandlung vor und doch bleibt die reale Versorgungswelt außen vor: Erst diese Woche fragte ein erstaunter Arzt, ob wir wirklich glauben, dass „Digital Health oder Telemedizin“ Zukunftsthemen seien. Und nein, das ist leider kein Einzelfall: Auf der Frühjahrstagung des Hausärzteverbandes äußerten sich die Delegierten besorgt über die zunehmende Präsenz von Telemedizinanbietern in der Versorgungslandschaft. Auch wenn die Vertreter des Verbandes die Notwendigkeit betonen, selbst hochwertige digitale Angebote anzubieten, um Patient:innen zu halten und die Digitalisierung in der eigenen Praxis voranzutreiben, zeigt es doch, dass wir uns in einer „Digital Health Bubble“ bewegen.
Wie kommt es dazu? Typischerweise entstehen solche Blasen aufgrund der Homogenität der Mitglieder in Bezug auf ihren beruflichen Hintergrund, ihre Interessen oder ihre Meinungen. Bei LinkedIn zum Beispiel werden den Nutzerinnen und Nutzern, unterstützt durch algorithmenbasierte Filterblasen (oder Blasenfilter?), eher Inhalte angezeigt, die auf ihren Interaktionen und Vorlieben basieren. All dies kann zu einem Mangel an externen Einflüssen führen, wenn die Mitglieder der Blase zu wenig Kontakt zu externen Quellen oder Perspektiven haben, die ihre bestehenden Ansichten in Frage stellen oder erweitern könnten. Kurz gesagt, wie viele Ärztinnen und Ärzte, Pflegende, Betroffene und Angehörige waren auf der DMEA und haben mit euch über die neuen Lösungen diskutiert?
Hürden
Die Diskrepanz zwischen der Fülle an Innovationen in der Digital Health Bubble und ihrer begrenzten Umsetzung im Versorgungsalltag lässt sich auf mehrere (nicht überraschende) Faktoren zurückführen:
Regulatorische Hürden: Der deutsche Gesundheitsmarkt ist stark reguliert, was die Einführung neuer Technologien und Innovationen erschwert. Die hohen Anforderungen an die Zulassung und Zertifizierung von medizinischen Geräten und Anwendungen können den Marktzugang erschweren.
Komplexität des Gesundheitssystems: Das deutsche, aber auch andere Gesundheitssysteme sind komplex. Die Einführung neuer Lösungen erfordert häufig die Zusammenarbeit und Zustimmung mehrerer Akteure. Dies verlangsamt in den meisten Fällen den Umsetzungsprozess für Innovationen.
Mangelnde Interoperabilität: Mangelnde Interoperabilität ist leider auch im Jahr 2024 noch ein häufiges Problem im deutschen Gesundheitswesen. Die damit verbundenen technischen Herausforderungen führen zu Verzögerungen.
Organisatorische und kulturelle Hürden: Wie in allen Branchen gibt es auch im Gesundheitswesen Menschen, die Angst vor Veränderungen und der damit verbundenen Unsicherheit haben. Auch Fachkräfte könnten neuen digitalen Lösungen skeptisch gegenüberstehen und überfordert sein, diese in ihre Routinen zu integrieren.
Bei der Aufzählung der Hürden darf die fehlende Vergütung nicht unerwähnt bleiben. Fehlende finanzielle Anreize: Dies ist leider nicht nur dann der Fall, wenn der Nutzen und die Effizienz einer neuen Lösung noch nicht eindeutig nachgewiesen sind, sondern auch dann, wenn der Nutzen bereits klar ist, das Vergütungssystem aber nur verzögert angepasst wird.
Demografischer und Berufsbildwandel – für Ärztinnen und Ärzte, die kurz vor der Rente stehen, macht es im Zweifel kaum Sinn die Praxis zu digitalisieren und gut etablierte Prozesse aufzubrechen und sich mit den daraus resultierenden Herausforderungen herumzuschlagen, erst recht nicht, wenn ohnehin klar ist, dass kein Nachfolger oder Nachfolgerin für die Praxis auf dem Land gefunden werden kann.
Lösungsansätze
Was können wir tun? Hier sind einige Best Practices, die zeigen, wie wir Digital-Health-Lösungen besser und dauerhaft in den Versorgungsalltag bringen können:
Niedrigschwellige Informationsangebote für Fachkräfte und Bürgerinnen und Bürger, z. B. Online-Vortragsreihen wie in Hessen oder persönliche Ansprache und „Erlebbarkeit“ von Telemedizin und Co. wie zum Beispiel in Niedersachsen mit dem Projekt PuG.
CoCreation: Sprecht die potenziellen Nutzerinnen und Nutzer an, die eine digitale Umsetzung wollen und bindet diese aktiv im Entwicklungsprozess der Lösung so ein, dass eine nutzerzentrierte Lösung entsteht.
Modularer Aufbau der technischen Lösung, so dass die Nutzerinnen und Nutzer nicht mit einem überladenen Multifunktionstool überfordert werden, sondern genau in dem Maße Unterstützung durch digitale Angebote erhalten, wie sie es wünschen.
Sind Lösungen bereits implementiert, lohnt es sich regelmäßig Anwender-Feedback einzuholen. In Österreich praktizieren teilnehmende Leistungserbringer im Versorgungsprogramm HerzMobil dies. In Baden-Württemberg diskutieren MFA in MFA-Qualitätszirkeln z. B. die Herausforderungen im Rahmen der telemedizinischen Versorgung in der HZV.
Ganzheitliche Betrachtung: Eine ganzheitliche Betrachtung über das Gesundheitswesen hinaus ermöglicht die Berücksichtigung von Themen wie Nachhaltigkeit, Klimawandel und anderen gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen. Auch wenn Digital Health allein nicht die Lösung für alle Herausforderungen sein kann, so ist es doch ein Teil der Lösung. Eine spannende Veranstaltung dazu findet schon nächste Woche statt: Forum für Nachhaltigkeit im Gesundheitswesen.
Fazit
Indem wir uns von solchen Best Practices inspirieren lassen und diese implementieren, können wir die Integration von Digital-Health-Lösungen in den Versorgungsalltag weiter vorantreiben. So schaffen wir einen Mehrwert für Patient:innen, Fachkräfte und das Gesundheitswesen insgesamt. Was sind eure Ansätze, um die Lösungen von Digital Health in den Alltag der Gesundheitsversorgung zu bringen? Schreibt es gern in die Kommentare!
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