Telemedizin-Canvas

Die Telemedizin-Canvas

Heute stellen wir ein Tool vor, das wir sehr gerne nutzen: Die Telemedizin-Canvas. Aus unserer Sicht hilft die Canvas, Alleinstellungsmerkmale von Telemedizinlösungen herauszuarbeiten, Herausforderungen bei der Umsetzung zu identifizieren und Handlungsoptionen zu diskutieren.

Telemedicine Program Design Canvas

Die Telemedizin-Canvas (Telemedicine Program Design Canvas) erinnert an die bekannte Osterwalder Business Model Canvas, geht aber darüber hinaus, da sie berücksichtigt, dass Gesundheitsmärkte und insbesondere Telemedizinangebote anders funktionieren als beispielsweise ein Supermarkt.

Die 14 Schlüsselelemente, die bei der Planung und Umsetzung von Telemedizinprogrammen berücksichtigt werden sollten, wurden in sechs Workshops mit Anwendern und Akteuren der Telemedizin entwickelt und validiert. Zu den 14 Elementen gehören das Problem, das Ökosystem, die Patient:innen, der Weg der Patient:innen, Akzeptanz und Vertrauen der Patienten, die Leistungserbringer, Schulungsbedarfe, Akezptanz und Motivation der medizinischen Fachkräfte, die Kanäle, die Technologie, Medikamente und Diagnostiktools, die gewünschten Ergebnisse, die Kosten sowie die Einnahmen.

Die Schlüsselelemente

Die Umsetzung von Telemedizinprojekten kann komplex sein, viele Initiativen scheitern in der Umsetzungsphase. Nachhaltige und skalierbare Telemedizinangebote effektiv zu planen und umzusetzen ist oft eine Herausforderung. Die Canvas kann dabei unterstützen. Die Idee ist, dass die Nutzer:innen die Canvas ausfüllen, indem sie beschreiben, wie ihre Lösung für das Thema im Feld der Canvas aussieht. Eine Möglichkeit ist, die Beispielfragen in den Feldern zu beantworten. Die Beantwortung der Fragen dient dabei als Ausgangspunkt für die Diskussion, je nach Kontext sind möglicherweise nicht alle Elemente für jede telemedizinische Anwendung oder Lösung relevant.

Quelle https://academic.oup.com/view-large/figure/422620085/oqac002f1.tif

Problem

In diesem Abschnitt werden die Probleme beschrieben, die mit dem Telemedizinprogramm oder Telemedizinangebot gelöst werden sollen, z. B. der Abbau geografischer Zugangsbarrieren, die ungleiche Verteilung von Gesundheitsdienstleistern, die Erhöhung des Patientenkomforts, die Senkung der Kosten usw.

Ecosystem

Für jede neue Anwendung ist wichtig, den Kontext zu beschreiben, in dem das Telemedizinvorhaben durchgeführt werden soll, dazu gehört z. B. die wichtigsten Merkmale der Umgebung (z. B. städtisch oder ländlich, Arztdichte, Infrastruktur und Mobilfunkverbindung etc.). Die Lösung sollte die bestehenden Systeme und Regelungen berücksichtigen, wie das derzeitige Gesundheitssystem funktioniert, wie das Problem derzeit angegangen wird und welche Gesetze in Bezug auf Telemedizin, digitale Gesundheit oder Datenschutz zu berücksichtigen sind.

Patient:innen

In diesem Feld geht es darum möglichst genau zu beschreiben, an wen sich die Lösung richtet, und die Merkmale der Patientengruppe zu definieren. Adressieren die Telemedizinlösung junge Eltern, ältere Menschen, Menschen mit Einschränkungen?

Patientjourney

Ziel dieses Schlüsselelements ist es, die Lösung aus Sicht der Patient:innen zu betrachten. Es ermöglicht Rückschlüsse auf mögliche Hindernisse, die eine Akzeptanz der Lösung reduzieren können. Wie würde ein Patient von der telemedizinischen Lösung erfahren, wie kann er sie in Anspruch nehmen, welche Schritte muss er unternehmen, wo müssen andere Akteure aktiv werden… ? Idealerweise werden hier die Grenzen der telemedizinischen Lösung berücksichtigt. Nicht jede:r kann in jedem Fall von einer telemedizinischen Leistung profitieren – wie kann sichergestellt werden, dass diese Menschen in Abhängigkeit von Komplexität und Dringlichkeit schnell eine persönliche Vor-Ort-Versorgung erhalten?

Akzeptanz und Vertrauen der Patient:innen

Akzeptanz und Vertrauen der Patient:innen ist entscheidend für den Erfolg einer telemedizinischen Intervention. Wie kann es gelingen, dass Patient:innen der neuen Telemedizinlösung vertrauen und sie die ggf. eingesetzten Geräte akzeptieren? Was passiert, wenn etwas nicht funktioniert, wie erreichen Patient:innen einen Support? Häufig ist es hilfreich, wenn die bereits behandelnden Ärztinnen und Ärzte einbezogen werden, das ist beispielweise beim Telemonitoring für herzinsuffiziente Patient:innen der Fall.

Leistungserbringer und medizinische Fachkräfte

In diesem Feld geht es darum, zu diskutieren, welche medizinischen Fachkräfte welche Rolle in der telemedizinischen Versorgung einnehmen. Dabei wirkt sich u.a. der Ausbildungsstand und die Qualifikation der Fachkräfte auf das Leistungsangebot und die Kosten der Telemedizinangebote aus.

Schulungsbedarf

Je nach Telemedizinlösung entsteht auch ein Schulungsbedarf für die medizinischen Fachkräfte, ggf. müssen Trainings eingeplant und durchgeführt werden, möglicherweise müssen diese nicht nur initial sondern auch kontinuierlich versorgungsbegleitend erfolgen. Die notwendigen Ressourcen dafür müssen von Anfang an berücksichtigt werden.

Einbeziehung der Leistungserbringer und Fachkräfte

Ähnlich wie bei der Einbeziehung von Patient:innen setzen Telemedizinangebote voraus, dass medizinische Fachkräfte und Leistungserbringer die Maßnahmen durchführen, d.h. wenn eine Teledermatologische Leistung angeboten wird, braucht es im gewissen Umfang auch dermatologische Expertise. Wie gelingt es Leistungserbringer und Fachkräfte für das Telemedizinprogramm zu finden und sie dauerhaft einzubinden?

Kommunikationskanäle

Die Kommunikation zwischen Patienten und medizinischen Fachkräften kann über über verschiedene Kanäle erfolgen, z. B. wie Videokonsultationen, Telefon-Hotlines oder Chatbots. Die Wahl des geeigneten Kanals bzw. der Kanäle ist abhängig von anderen Elementen der Canvas, z. B. der Patient:innenzielgruppe und dem Ökosystem.

Technologie

Die Technologie ist oft das Herzstück eines Telemedizinprogramms. Sie umfasst die Soft- und Hardware, die zur Interaktion und Informationsübertragung verwendet wird, sowie alle Diagnoseinstrumente und -protokolle. Die gewählte Technologie muss mit dem Ökosystem kompatibel sein. Gelten wie Deutschland Vorgaben für Videosprechstundensoftware, sollte eine neue Lösung diese berücksichtigen. Alternativ kann das Geschäftsmodell außerhalb der Regelversorgung stattfinden, ggf. ist dann das Vertrauen und die Akzeptanz von Leistungserbringer:innen und Patient:innen. zu stärken.

Kosten

In diesem Feld werden die Kapital- und Betriebskosten, einschließlich Personal, Technologie, Verbrauchsmaterialien, Schulungskosten und mehr aufgelistet. Es sollte dabei deutlich werden, auf welchen Akteur welche Kosten zukommen.

Medikamente und Diagnostika

Einige Telemedizinangebote sehen vor, dass Patient:innen Zugang zu Diagnostiktests oder Medikamenten erhalten. In diesem Feld geht es darum zu überlegen, was im Rahmen des Programms angeboten wird und wie diese Leistung erfolgt, braucht es z. B. Leistungen der assistierten Telemedizin aus der Apotheke?

Einnahmen

In diesem Abschnitt werden alle Einnahmequellen beschrieben. Wer finanziert das Versorgungsangebot mit welcher Motivation? Handelt es sich beispielsweise um einen Selektivvertrag mit einer Krankenkasse muss klar sein, welchen Vorteil die Krankenkasse aus dem Selektivvertrag hat.

Gewünschte Ergebnisse

Klare Ziele sind die Richtschnur für jedes Telemedizinvorhaben. Was soll ein erfolgreiches Telemedizinvorhaben erreichen? Typischerweise gehören zu den erwarteten Ergebnissen von telemedizinischen Versorgungsangeboten

  • bessere und schnellere Verfügbarkeit der medizinischen Expertise
  • geringere Kosten und Entfernungen für die Patient:innen
  • verbesserter Komfort und besseres Gesundheitsverhalten,
  • geringere Kosten für das Gesundheitssystem
  • bessere oder vergleichbare Ergebnisse wie bei einer persönlichen Behandlung zu geringeren Kosten.

Die Canvas wurde von Neha Verma et al. entwickelt und publiziert. Wer im Detail nachlesen und auch Beispiele ansehen möchte, wird hier fündig: Neha Verma, Izabella Samuel, Samuel Weinreb, Mackenzie Hall, Kai Zhang, Mariana Bendavit, Vibha Bhirud, Jordan Shuff, Youseph Yazdi, Soumyadipta Acharya, The Telemedicine Program Design Canvas: a visual tool for planning telemedicine interventions, Oxford Open Digital Health, Volume 1, 2023, oqac002,

Fazit

Aus unserer Sicht ist die Canvas ein nützliches Instrument, um Telemedizinvorhaben strukturiert zu betrachten. Nein, eine ausgefüllte Canvas ist keine Garantie für ein tragfähiges Geschäftsmodell. Aber sie hilft die für telemedizinische Versorgungsmodelle relevanten Aspekte zu beleuchten. Habt ihr sie schon eingesetzt? Was sind eure Erfahrungen damit. Ich freue mich auf eure Feedback.

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1 Kommentar zu „Telemedizin-Canvas“

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