Telemedizin im Profisport
Telemedizin im Profisport: Testlabor für die Medizin von morgen? Wenn wir an Spitzensport denken, haben wir Bilder von Athlet:innen im Kopf, die ihre Grenzen austesten, etwa beim Marathon, im Radsattel oder im Stadion. Weniger sichtbar ist das, was im Hintergrund passiert: Immer öfter kommt Telemedizin ins Spiel. Der Sport wird damit zum Testlabor für Technologien, die später auch in der allgemeinen Gesundheitsversorgung eine Rolle spielen können.
Digitale Hilfe bei psychischen Belastungen
Eine Befragung unter 275 deutschen Elite-Athlet:innen untersuchte die Akzeptanz internetbasierter psychologischer Interventionen. Gemeint waren strukturierte Online-Programme und Apps, die therapeutische Inhalte digital bereitstellen. Für viele Sportler:innen sind psychische Belastungen ein Thema: u. a. Depressionen, Angststörungen und Schlafprobleme treten häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Trotzdem nehmen sie klassische Hilfsangebote seltener an: aus Sorge vor Stigmatisierung oder weil Trainings- und Wettkampfroutinen wenig Raum lassen.
Die Ergebnisse zeigen ein deutliches Bild: Fast zwei Drittel der Befragten äußerten eine hohe Akzeptanz für digitale Angebote. Besonders Frauen und Einzelsportler:innen standen der Nutzung positiv gegenüber. Ausschlaggebend waren der erwartete Nutzen, die einfache Handhabung und die Unterstützung durch das Umfeld. Auffällig: Je stärker depressive Symptome oder finanzielle Belastungen, desto größer die Offenheit für digitale Hilfen. Hier wird Telemedizin zum Türöffner, um Athlet:innen einen niedrigschwelligen Zugang zu psychischer Unterstützung zu eröffnen.
Sicherheit in Extremsituationen: Von Katar bis Tokyo
Spitzensport bedeutet, körperliche Grenzen auszuloten. Telemedizin eignet sich hier besonders gut, um diese Belastungen messbar zu machen und medizinische Betreuung gezielt zu unterstützen. Ein eindrückliches Beispiel stammt aus Katar: 18 Athleten wurden bei einem 200 Kilometer langen Ultraendurance-Rennen durch die Wüste überwacht. Herzfrequenzgurte, Hautsensoren und GPS-Tracker lieferten Daten in Echtzeit. Zum Einsatz kamen auch geschluckte Sensorpillen, die die Kerntemperatur im Verdauungstrakt messen und die Werte in Echtzeit an ein Dashboard senden. Solche Kapseln werden u.a. im Spitzensport genutzt, weil sie wesentlich genauere Daten liefern als Hautsensoren, gerade wenn es darum geht, beispielsweise Überhitzung oder Unterkühlung rechtzeitig zu erkennen
Die Bedingungen waren extrem: Tagestemperaturen von bis zu 28 Grad, nächtliche Abkühlung auf 16 Grad, Belastungen über bis zu 57 Stunden. Dabei zeigten die Daten sowohl Phasen von Hyperthermie (Kerntemperaturen über 39 °C) als auch Hypothermie-Risiken, z. B. beim Schwimmen in kühlerem Wasser. Ein Athlet kollabierte und musste hospitalisiert werden. Seine Echtzeitdaten zeigten vorher keinen eindeutigen Alarm.
Gerade dieses Beispiel zeigt die Bedeutung von Remote Monitoring: Ohne Ortung und laufende Vitaldaten wären Rettung und Versorgung in der Weite der Wüste kaum rechtzeitig möglich gewesen. GPS-Daten machten eine schnelle Lokalisierung möglich, Kerntemperatur- und Herzfrequenzmessungen halfen, das Ausmaß der Belastung zu verstehen. Auch wenn nicht jeder Notfall vorhersehbar ist, ohne Telemedizin-Technologien steigt das Risiko erheblich, dass medizinische Teams zu spät reagieren.
Das lässt sich auf die Gesundheitsversorgung übertragen: Auch bei Patient:innen im Alltag können Vitalparameter helfen, kritische Entwicklungen früher zu erkennen, auch wenn nicht jeder akute Zwischenfall vorhersagbar ist. Telemedizin ermöglicht hier eine zusätzliche Sicherheitsebene.
Noch näher an der sportlichen Praxis zeigt sich der Nutzen bei Olympischen Spielen. In Tokyo 2020 wurden erstmals tragbare Sensoren im großen Stil eingesetzt, zum Beispiel Smartwatches, zum Monitoren von Herzfrequenz und Kerntemperatur und Fußsensoren, die Gangmechanik analysierten. Die Daten ermöglichten den medizinischen Teams schneller zu reagieren. Damit trägt Telemedizin nicht nur zu mehr Sicherheit im Wettkampf bei, sondern ermöglichen auch individuellere Trainingsprogramme, so dass Athlet:innen langfristig besser vor Verletzungen geschützt sind
Ausblick: Neurotechnologie als nächste Dimension
Noch einen Schritt weiter gehen aktuelle Forschungsarbeiten, die u.a. EEG-basierte Systeme nutzen, um Motivation, Stress und Leistung über neuronale Aktivität in Echtzeit zu erfassen. Was heute im Labor erprobt wird, könnte in Zukunft in tragbare Systeme integriert sein, z. B. als Stirnband oder Sensorweste, die Signale zur mentalen Belastung aufzeichnet.
Für die medizinische Versorgung könnte das bedeuten: Künftig lassen sich nicht nur Vitalparameter wie Herzfrequenz und Temperatur telemedizinisch überwachen, sondern auch kognitive Belastung und Anzeichen mentaler Erschöpfung. Für Patient:innen mit chronischen Erkrankungen, etwa Fatigue-Syndromen, Multipler Sklerose oder Long Covid wäre es möglich, den Alltag präziser abzubilden und Therapiepläne dynamisch anzupassen.
Fazit: Der Sport zeigt, was möglich ist
Von der psychischen Unterstützung über Echtzeit-Monitoring bis hin zu Neurotechnologien: Der Spitzensport zeigt so eindrucksvoll, dass Telemedizin nicht nur Grenzen verschiebt, sondern neue Horizonte für die Medizin von morgen eröffnet.
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Esh, C. J., et al. (2025). Real-Time Monitoring of Biometric Responses During a 200-km Ultra-Endurance Race Across the Desert. European journal of sport science, 25(9), e70026. https://doi.org/10.1002/ejsc.70026
Xie, N., Zhang, X., & Lu, C. (2025). An exploratory framework for EEG-based monitoring of motivation and performance in athletic-like scenarios. Scientific reports, 15(1), 26156. https://doi.org/10.1038/s41598-025-05420-3
Muniz-Pardos B, Angeloudis K, Guppy FM, Keramitsoglou I, Sutehall S, Bosch A, et al. Wearable and telemedicine innovations for Olympic events and elite sport. J Sports Med Phys Fitness 2021;61:1061-72. DOI: 10.23736/S0022-4707.21.12752-5
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