Telemedizin und ePROs

Die wachsende Notwendigkeit, Patient:innen unabhängig von Ort und Zeit zu versorgen – sei es zuhause, unterwegs oder in der Reha – hat die Entwicklung telemedizinischer Lösungen vorangetrieben. Mit diesen neuen Versorgungsformen verändert sich auch die Art und Weise, wie Gesundheitsdaten erfasst werden. Electronic Patient-Reported Outcomes (ePROs) spielen dabei eine immer größere Rolle: Statt sich allein auf ärztliche Bewertungen zu verlassen, können Patient:innen ihre Gesundheit aktiv dokumentieren – digital, strukturiert und in Echtzeit. Wie ergänzen sich Telemedizin und ePROs?

Was sind ePROs – und warum werden sie immer wichtiger?

ePROs sind digital Gesundheitsdaten, die direkt von Patient:innen erfasst werden. Sie gehen über klassische Laborwerte hinaus und schließen subjektive Faktoren wie Schmerzen, Müdigkeit oder Einschränkungen im Alltag ein. Der große Vorteil: Durch die digitale Erhebung können diese Daten automatisch analysiert, mit anderen Gesundheitsinformationen verknüpft und gezielt für Therapieentscheidungen genutzt werden. Doch wie funktioniert das in der Praxis?

Stell dir vor, du leidest unter chronischen Schmerzen. Dein nächster Arzttermin ist erst in vier Wochen, doch deine Beschwerden nehmen zu. Früher hättest du gewartet oder versucht, kurzfristig einen Termin zu bekommen. Mit ePROs hingegen kannst du deine Symptome regelmäßig über digitale Tools erfassen. Dein:e Ärzt:in erhält so ein kontinuierliches Bild deines Gesundheitszustands – nicht nur die Momentaufnahme aus der Praxis.

Telemedizin als Katalysator für ePROs?

Bisher wurden (e-)PROs oft nur in klinischen Studien eingesetzt. Doch durch die Telemedizin könnten ePROs fester Bestandteil der Regelversorgung werden. Digitale Fragebögen, Wearables oder smarte Apps ermöglichen es, medizinische Daten kontinuierlich und in Echtzeit zu erfassen und direkt in digitale Patientenakten zu integrieren.

Ein Beispiel für die Nutzung in der Praxis ist das Telemonitoring bei Herzinsuffizienz. Hier werden nicht nur Daten wie Blutdruck oder das Gewicht erfasst, sondern auch das subjektive Befinden der Patient:innen wird regelmäßig digital abgefragt. Die gesammelten ePROs helfen Ärzt:innen, Anzeichen einer Verschlechterung frühzeitig zu erkennen und die Therapie individuell anzupassen.

In der Onkologie werden ePROs zunehmend als wertvolles Instrument zur Verbesserung der Versorgung genutzt. Eine aktuelle Untersuchung der Deutschen Krebsgesellschaft (Kowalski et al., 2024) zeigt, dass patientenberichtete Gesundheitsdaten helfen können, Symptome früher zu erkennen, Therapien gezielter anzupassen und so die Lebensqualität von Krebspatient:innen zu verbessern. Besonders bei Chemotherapien oder im Rahmen der Palliativversorgung bieten ePROs die Möglichkeit, Nebenwirkungen kontinuierlich zu erfassen und frühzeitig zu reagieren.

Wo liegen die Herausforderungen?

So vielversprechend ePROs sind, sie bringen auch neue Herausforderungen mit sich:

Datenflut: Während Algorithmen große Datenmengen automatisch verarbeiten können, bleibt die Herausforderung, die relevanten Informationen in den Behandlungsprozess zu integrieren. Ärzt:innen benötigen prägnante, handlungsrelevante Zusammenfassungen – nicht eine unüberschaubare Menge an Rohdaten. Entscheidend wird sein, wie klinische Systeme ePRO-Daten sinnvoll filtern und so aufbereiten, dass Ärzt:innen entlastet statt zusätzlich belastet werden.

Datenschutz: Die Speicherung und Verarbeitung sensibler Gesundheitsdaten müssen sicher und transparent erfolgen. Gerade bei ePROs, die regelmäßig von Patient:innen über mobile Apps oder Plattformen erfasst werden, ist der Schutz dieser Informationen besonders wichtig. Regulatorische Vorgaben und technische Standards müssen sicherstellen, dass die Vorteile von ePROs nicht durch Datenschutzbedenken ausgebremst werden.

Akzeptanz: Sind Patient:innen bereit, regelmäßig ePROs zu nutzen, oder wird die digitale Dokumentation als zusätzliche Belastung empfunden? Während einige Patient:innen den transparenten Einblick in ihre Gesundheitsdaten schätzen, empfinden andere die regelmäßige Dokumentation möglicherweise als mühsam oder überflüssig. Die Herausforderung liegt darin, ePROs so zu gestalten, dass sie intuitiv nutzbar sind und Patient:innen aktiv in den Behandlungsprozess einbinden, ohne sie zu überfordern.

Aus der Praxis

Wie sehen das Expert:innen aus der Praxis? Ich habe mit Prof. Dr. Andreas Trojan über die Rolle von ePROs und Telemedizin in der Onkologie gesprochen. Andreas Trojan ist Onkologe und Gründer der Mobile Health AG. Er engagiert sich als Vorstandsmitglied im Swiss Tumor Institute, bei Palliaviva und Appsocial.org.

Hinweis: Die Mobile Health AG ist Kunde der telmedicon GmbH. Dieses Interview ist unabhängig entstanden und gibt die Perspektiven von Prof. Dr. Andreas Trojan zu ePROs und Telemedizin in der Onkologie wieder.


Kurzinterview mit Prof. Dr. Andreas Trojan, Onkologe und Experte für digitale Patientenversorgung

Welche Rolle spielen patientenberichtete Gesundheitsdaten (ePROs) heute in der onkologischen Versorgung?

Prof. Dr. Andreas Trojan: „ePROs sind ein wichtiger Baustein für eine präzisere und patientenzentrierte Onkologie. Gerade bei Krebspatient:innen, die häufig komplexe und langwierige Therapien durchlaufen, ermöglichen sie eine kontinuierliche Erfassung von Symptomen und Nebenwirkungen – und das zwischen den Arztterminen. Das ist ein großer Fortschritt, denn wir verlassen uns nicht nur auf Momentaufnahmen in der Klinik, sondern erhalten ein realistisches Bild des Gesundheitszustands über einen längeren Zeitraum.“

Welche Vorteile bringt die digitale Dokumentation für Ärzt:innen und Patient:innen konkret?

Prof. Dr. Andreas Trojan: „Für Ärzt:innen bedeutet es eine verbesserte Entscheidungsgrundlage, da sie kritische Veränderungen früher erkennen und gezielt darauf reagieren können. In Studien hat sich gezeigt, dass ePROs dazu beitragen können, Krankenhausaufenthalte zu reduzieren und sogar die Überlebensraten zu verbessern. Ich nutze ePROs aktiv in der Versorgung meiner Patient:innen und sehe, wie sehr sie den klinischen Alltag verbessern. Unsere Lösung ist bereits in der Schweiz und in Deutschland im Einsatz. Für Patient:innen wiederum bietet die digitale Dokumentation eine aktivere Rolle in ihrer Therapie. Sie fühlen sich stärker eingebunden und haben das Gefühl, dass ihre Beschwerden ernst genommen werden – ohne jedes Mal in die Praxis oder Klinik kommen zu müssen.“

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen bei der breiten Implementierung von ePROs in die Regelversorgung?

Prof. Dr. Andreas Trojan: „Es gibt mehrere Hürden. Erstens müssen wir sicherstellen, dass die Datenflut für Ärzt:innen handhabbar bleibt. Eine strukturierte Analyse und intelligente Algorithmen sind essenziell, damit nur relevante Veränderungen gemeldet werden. Zweitens braucht es klare regulatorische Rahmenbedingungen und eine bessere Integration in bestehende IT-Systeme. Drittens spielt die Akzeptanz der Patient:innen eine Rolle – viele begrüßen die digitale Dokumentation, aber manche empfinden sie als zusätzlichen Aufwand. Hier müssen wir Lösungen finden, um ePROs so nutzerfreundlich wie möglich zu gestalten.“

Wenn Sie an die Zukunft der Telemedizin denken, was wäre Ihr Wunsch oder Ihre Prognose?

Prof. Dr. Andreas Trojan: “Mein Wunsch für die Zukunft der Telemedizin ist, dass sie nicht mehr als Ausnahme oder Ergänzung gesehen wird, sondern als selbstverständlicher Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Telemedizin kann Versorgungslücken schließen, Behandlungen effizienter gestalten und Patient:innen mehr Autonomie geben. Ich hoffe, dass regulatorische Hürden abgebaut und digitale Lösungen so integriert werden, dass sie nahtlos in den Praxisalltag passen – zum Nutzen von Ärzt:innen und Patient:innen gleichermaßen.“


Fazit: Digitaler Fortschritt oder zusätzliche Belastung?

ePROs können die Gesundheitsversorgung personalisierter und effizienter gestalten – vorausgesetzt, sie werden sinnvoll in bestehende Strukturen integriert. Durch die intelligente Verknüpfung mit telemedizinischen Leistungen lässt sich der Schritt von einer punktuellen Akutdiagnostik hin zu einer kontinuierlichen digitalen Begleitung vollziehen. Entscheidend für den Erfolg sind durchdachte Konzepte, praxistaugliche technische Lösungen und die breite Akzeptanz sowohl bei Ärzt:innen als auch bei Patient:innen

Mehr dazu lesen?

Erwähnte Publikation zu ePROs in der Onkologie

Telemonitoring in der Onkologie

Telemedizin und Onkologie

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