Telemedizin mit 5G: Schnellere Vernetzung, bessere Versorgung

Mit 5G rücken medizinische Teams näher zusammen – Chirurgen operieren über Tausende Kilometer hinweg, und Rettungswagen übertragen Vitalparameter in Echtzeit. Die Gesundheitsbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel, angetrieben durch digitale Innovationen und die steigende Nachfrage nach telemedizinischen Lösungen.

5G als Basis für vernetzte Telemedizin und smarte Gesundheitstechnologien

5G-Technologie, insbesondere in Form von leistungsstarken Chipsets, ermöglicht eine reibungslose, schnelle und nahezu latenzfreie Kommunikation. Mit einer Geschwindigkeit, die bis zu 100-mal schneller ist als 4G, und einer extrem niedrigen Latenzzeit erschließt 5G neue Möglichkeiten für die digitale Gesundheitsversorgung. 5G schafft damit eine bisher unerreichte Vernetzung zwischen medizinischen Einrichtungen und Patient:innen. Besonders in Regionen mit eingeschränkter Netzabdeckung ermöglichen 5G-gestützte Satelliten eine stabile Kommunikation – so können Patient:innen auch fernab städtischer Infrastruktur telemedizinische Leistungen in Anspruch nehmen.

Fernbehandlungen und Online-Konsultationen

Mit dem Anspruch einer hochqualitativen, flächendeckenden medizinischen Versorgung gewinnt Telemedizin weiter an Bedeutung. Ihre Effizienz jedoch hängt stark von der Netzwerkqualität ab. Dank 5G sind verzögerungsfreie Videoanrufe und die Echtzeitübertragung hochauflösender Bilder möglich. Dadurch verbessert sich die visuelle Diagnostik erheblich – insbesondere bei bildgebenden Verfahren und der Wundbeurteilung.

Der aktuelle ZI-Report zeigt, dass die Nachfrage nach Videosprechstunden in Deutschland ansteigt: Im ersten Halbjahr 2024 wurden 1,3 Millionen digitale Konsultationen durchgeführt – ein Anstieg von 24 % im Vergleich zum Vorjahr. Besonders Hausärzte setzen zunehmend auf dieses Format (+60 %), aber auch andere Fachrichtungen, wie HNO-Ärzte und Urologen nutzen Videosprechstunden deutlich häufiger. Diese Entwicklung zeigt, dass Telemedizin sich immer stärker in der Regelversorgung etabliert – eine Entwicklung, deren Effizienz und flächendeckende Verfügbarkeit durch 5G noch gesteigert werden könnte.

Remote-Überwachung und chronische Erkrankungen

5G ermöglicht die kontinuierliche Übertragung von Gesundheitsdaten durch tragbare Medizingeräte wie kontinuierliche Glukosemonitore (CGM), implantierbare Kardioverter-Defibrillatoren (ICD) oder Telekardiologie-Systeme. Vitalwerte wie Blutzucker, Herzfrequenz oder Sauerstoffsättigung werden in Echtzeit algorithmisch priorisiert, sodass medizinische Teams ihre Entscheidungen zur Behandlung auf aktuelle Daten fußen können.

Lebensrettende Konnektivität in Rettungsdiensten

In Notfällen zählt jede Sekunde. Dank 5G übertragen Rettungswagen kardiorespiratorische Parameter wie EKG-Daten und Sauerstoffsättigung in Echtzeit an die Notaufnahme. Dadurch können Ärzt:innen frühzeitig diagnostische Maßnahmen einleiten und gezielte Vorbereitungen treffen. Auch bildgebende Diagnostik (z.B. Sonographie-Daten) lässt sich in Echtzeit übermitteln, was die Erstversorgung optimiert und lebensrettende Entscheidungen beschleunigt.

AR/VR in Medizin und Therapie

Augmented und Virtual Reality bieten neue Möglichkeiten für medizinische Schulungen, OP-Simulationen und therapeutische Anwendungen. Die niedrige Latenz von 5G ermöglicht Ärzt:innen, komplexe Eingriffe in virtuellen Trainingsumgebungen realitätsnah zu simulieren. Gleichzeitig profitieren Patient:innen von immersiven Therapieanwendungen, etwa zur Behandlung von Angststörungen, chronischen Schmerzen oder zur motorischen Rehabilitation nach Schlaganfällen.

Fernoperationen: Der nächste Schritt in der Telechirurgie

Für die Telechirurgie ist die niedrige Latenz von 5G der entscheidende Faktor. Ein Meilenstein wurde bereits 2019 in China erreicht – erstmals führte ein Chirurg eine Operation mithilfe eines Robotersystems über eine Distanz von 3.000 Kilometern durch.

5G im Krankenhaus und darüber hinaus: Oulu und med4PAN

Auch in Europa spielt 5G eine immer wichtigere Rolle in der Gesundheitsversorgung – nicht nur in der Telechirurgie. Erst diese Woche hat das Projekt Hola 5G Oulu den erfolgreichen Start seiner privaten 5G Standalone-Initiative bekannt gegeben. Das Oulu University Hospital in Finnland demonstriert damit eindrucksvoll das Potenzial von 5G im Gesundheitswesen. Als erstes europäisches Krankenhaus hat es eine eigene 5G-Standalone-Infrastruktur erfolgreich implementiert.

Ärzt:innen erhalten dabei über „Smart Glasses“ in Echtzeit Zugriff auf Patient:innendaten, was Diagnosen und Behandlungen effizienter macht. Die intelligenten AR-Brillen vereinfachen Prozeduren und Behandlungen im Krankenhaus und entlasten das Personal, indem sie beispielsweise Chirurg:innen während der OP kontinuierlich die Vitalparameter der Patient:innen anzeigen. Selbst bei einem Stromausfall bleibt das Netzwerk stabil, sodass medizinische Abläufe ungestört bleiben. Das Projekt verdeutlicht, dass private 5G-Netze eine zentrale Rolle in der künftigen Gesundheitsversorgung spielen werden, indem sie eine stabilere und sicherere digitale Infrastruktur bereitstellen.

Während das Oulu University Hospital zeigt, wie 5G die Klinikversorgung optimiert, hat das deutsche Forschungsprojekt med4PAN erforscht, wie diese Technologie in ländlichen Regionen eingesetzt werden kann. Gefördert vom BMDV, demonstrierte med4PAN innovative Anwendungen wie Augmented-Reality-Brillen für das Wundmanagement und den Transport von Defibrillatoren per Drohne – mit dem Ziel, die medizinische Betreuung und Notfallversorgung effizienter zu gestalten.

Herausforderungen und nächste Schritte

Neben technischen Anforderungen wie Netzwerksicherheit und Datenschutz stellen neue regulatorische Vorgaben Herausforderungen für die Telemedizin dar. Ab März gilt die neue Vereinbarung der Bundesmantelvertrags-Partner (Anlage 31c zum Bundesmantelvertrag-Ärzte), die vorschreibt, dass Videosprechstunden vorrangig für Patient:innen in räumlicher Nähe zur Praxis vergeben werden sollen. Diese Vorgabe erschwert unter anderem den Zugang zu Spezialist:innen, die oft überregional tätig sind. Statt Telemedizin weiter auszubauen, könnten solche Regelungen den digitalen Zugang zu benötigter Expertise begrenzen.

Während Länder wie Finnland und China bereits zeigen, wie 5G die Telemedizin bereichern kann, steht Deutschland vor der Herausforderung, regulatorische Hürden zu überwinden. Damit 5G sein volles Potenzial entfalten kann, sollten gesetzliche Rahmenbedingungen die technologische Entwicklung begleiten und sinnvoll unterstützen.

Für eine flächendeckend vernetzte Gesundheitsversorgung braucht es ein Zusammenspiel aus innovativer Technologie, gut integrierten Versorgungsstrukturen und passenden gesetzlichen Rahmenbedingungen. So kann sichergestellt werden, dass Patient:innen – unabhängig von Wohnort oder Mobilität – Zugang zu hochqualifizierter medizinischer Betreuung erhalten.

Weiterführende Quellen

Bundesmantelvertrag mit den Anlagen

Telemedizin in Europa

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