Kosteneffektivität in der Telemedizin

Kosteneffektivität in der Telemedizin

Wie steht es um die Kosteneffektivität in der Telemedizin? In diesem Beitrag stellen wir die 𝐊𝐨𝐬𝐭𝐞𝐧𝐞𝐟𝐟𝐞𝐤𝐭𝐢𝐯𝐢𝐭ä𝐭𝐬𝐚𝐧𝐚𝐥𝐲𝐬𝐞 eines telemedizinischen Programms für Menschen mit Herzinsuffizienz vor.

Die zunehmende Belastung durch chronische Krankheiten und eine alternde Bevölkerung stellen die Gesundheitssysteme weltweit vor Herausforderungen. In Verbindung mit dem Fachkräftemangel im medizinischen Bereich bietet sich die Telemedizin als Lösungsansatz an. Dazu müssen telemedizinische Anwendungen jedoch neben dem notwendigen medizinischen Mehrwert insbesondere auch kosteneffektiv sein, d.h. die Kosten für die telemedizinische Leistung sollten bei gleich guten oder besseren medizinischen Ergebnissen idealerweise geringer oder maximal gleich hoch sein wie bei einer Versorgung ohne Telemedizineinsatz.

Vor diesem Hintergrund stellen wir in diesem Beitrag die aktuelle Kosteneffektivitätsanalyse eines telemedizinischen Programms für Menschen mit Herzinsuffizienz vor.

Herzinsuffizienz

Herzinsuffizienz zählt zu den häufigsten Todesursachen in Deutschland. Schätzungsweise leiden ca. 2,5 Mio. Menschen in Deutschland und 300.000 Menschen in Österreich unter einer Herzinsuffizienz. Krankenhausaufenthalte aufgrund akuter Herzinsuffizienz sind die häufigste Ursache für Krankenhauseinweisungen bei Patient:innen über 65 Jahren und führen zu hohen Gesundheitskosten.

Eine aktuelle Studie aus Österreich untersucht die Kosteneffektivität des telemedizinisch unterstützten Nachsorgeprogramms HerzMobil Tirol (HMT) im Vergleich zur üblichen (nicht-telemedizinischen) Versorgung.

HerzMobil Tirol

HMT ist ein dreimonatiges Telemedizinprogramm für Patient:innen mit Herzinsuffizienz, das den Übergang von einer akutmedizinischen stationären Versorgung zur ambulanten Versorgung optimieren soll. Das Programm ist seit einigen Jahren in der klinischen Routine in Tirol etabliert und wird durch das Landesinstitut für Integrierte Versorgung Tirol koordiniert.

🇦🇹 HerzMobil wird inzwischen auch in der Steiermark (seit 2019) und in Kärnten (seit 2022) umgesetzt. In Niederösterreich, mit 1.8 Mio Einwohner:innen nach Wien das zweitgrößte Bundesland in Österreich, ist der Start im Sommer 2024 geplant.🇦🇹

Wie in Deutschland werden im Programm im Rahmen eines Telemonitoring ausgewählte Parameter erfasst und überwacht. Im Unterschied zu Deutschland arbeiten im telemedizinischen HMT-Versorgungsprogramm Herzinsuffizienz-Pflegekräfte und niedergelassene Ärztinnen und Ärzte stärker in einer Netzwerkstruktur zusammen.

Ein Vergleich des deutschen Herzinsuffizienz-Telemonitoring-Modells mit dem österreichischen Modell findet ihr 👉 hier.

Analyse der Kosteneffektivität

Die Kosten-Nutzen-Analyse wurde mittels einer retrospektiven Kohortenstudie durchgeführt (2016 bis 2019). Dabei wurden 251 HMT-Patient:innen mit 257 Patient:innen in der üblichen Versorgung verglichen. Patient:innen mit hoher Komorbidität, Demenz oder fehlender Bereitschaft zur Teilnahme wurden ausgeschlossen.

Um die Kosteneffektivität zu bewerten, wurden

·      Überlebenszeiten ohne Krankenhausaufenthalt,

·      gewonnene Lebensjahre ohne Krankenhausaufenthalt und

·      vermiedene Wiederaufnahmen ins Krankenhaus analysiert.

Die Kosten für das telemedizinische Programm und Krankenhaus-wiederaufnahmen wurden ebenfalls ermittelt und das inkrementelle Kosten-Nutzen-Verhältnis (ICER) berechnet.

ICER gibt an, wie viel zusätzliche Kosten pro zusätzlich gewonnenem Nutzeneinheit (z.B. Lebensjahr) anfallen. Ein niedrigerer ICER-Wert deutet auf eine kosteneffektivere Intervention hin, während ein höherer ICER-Wert bedeutet, dass mehr Kosten pro gewonnener Nutzeneinheit anfallen.

Ergebnisse

Die Auswertung zeigt, dass das telemedizinische Programm durchschnittlich 42 zusätzliche Tage ohne Krankenhausaufenthalt, 40 zusätzliche Lebenstage und 0,12 vermiedene Krankenhausaufnahmen pro Patientenjahr im Vergleich zur üblichen Versorgung erzielte.

Die durchschnittlichen Kosten des HMT betrugen 1.916 Euro pro Person, während die durchschnittlichen Wiederaufnahmekosten 5.551 Euro im HMT und 6.943 Euro in der Gruppe ohne Telemedizin betrugen. Das ICER des HMT im Vergleich zur UC betrug 4.773 Euro pro gewonnene Lebensjahre ohne Krankenhausaufenthalt.

In einer Sensitivitätsanalyse war das HMT kostensparend, wenn nicht HF-bezogene Kosten durch durchschnittliche Kosten ersetzt wurden. HMT erzielte folglich im Vergleich zur üblichen Versorgung signifikant bessere Ergebnisse. Die durchschnittliche Überlebenszeit ohne Krankenhausaufenthalt und die Anzahl der vermiedenen Wiederaufnahmen waren im HMT-Arm höher, während die durchschnittlichen Krankenhauskosten niedriger waren.

Exkurs: TIM-HF2-Studie

Für das Telemonitoring der Herzinsuffizienz ist die TIM-HF2-Studie ein Meilenstein, auf dem nicht zuletzt die deutsche Regelfinanzierung des Telemonitorings beruht. In der TIM-HF2-Studie wurde ein Telemonitoring-Programm mit der üblichen Versorgung von Herzinsuffizienzpatient:innen verglichen. TIM-HF2 umfasste neben einem Schulungsprogramm für Patient:innen auch monatliche Telefoninterviews über einen Zeitraum von 12 Monaten und mit einer Nachbeobachtungszeit von bis zu 393 Tagen. Auch hier wies die Telemedizin-Gruppe weniger Tage im Krankenhaus auf (332,25 vs. 339,08) und zeigte eine Kosteneinsparung mit im Durchschnitt jährlichen Gesundheitskosten von 14.412 Euro pro Patient:in, verglichen mit 17.537 Euro in der nicht telemedizinisch betreuten Gruppe.

Vergleich TIM-HF2 und HMT

Kosteneffektivität

Im Vergleich dazu erzielte das HMT-Programm eine größere Verbesserung der Gesundheitsausgänge, mit 42 zusätzlichen Tagen ohne Krankenhausaufenthalt pro Patient:in. Die gesamten Gesundheitskosten waren in der TIM-HF2-Studie höher, da zusätzliche Kostenpunkte wie Nicht-HF-Krankenhausaufenthalte, Medikamente und Rehabilitation einbezogen wurden. Ungeplante Krankenhausaufenthalte aufgrund von Herzinsuffizienz verursachten in der telemedizinisch versorgten Gruppe um 522,65 Euro weniger Kosten als in der nicht telemedizinisch versorgten Gruppe. Für kardiovaskulär bedingte Krankenhausaufenthalte belief sich die Differenz auf 4.520,21 Euro.

Betreuungsstruktur

Ein wesentlicher Unterschied zwischen den Studien liegt in der Betreuungsstruktur. In der TIM-HF2-Studie stand das Betreuungsteam rund um die Uhr zur Verfügung, während im HMT-Programm die umfassende Betreuung durch Netzwerkärzte und Herzinsuffizienz-Pflegekraft nur während der Bürozeiten und für drei Monate gewährleistet wurde.

Anders als in TIM-HF2 sieht das HMT-Programm drei persönliche Besuche der Patient:innen beim betreuenden sogenannten Netzwerkarzt vor. Zusätzlich findet unmittelbar nach der Entlassung ein Hausbesuch durch die Herzinsuffizienz-Pflegekraft statt.

🇩🇪Herzinsuffizienz-Pflegekraft/ Herzinsuffizienz-Schwester/-Pfleger🇦🇹
- Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonen“ (DGKP) mit Zusatzausbildung für Herzinsuffizienz-Betreuungoder 
- Herzinsuffizienz-Pflegefachkräfte oder 
- Spezialisierte Pflege für Herzinsuffizienz

Das Tiroler Modell startet zeitnah nach einer kardialen Dekompensation direkt im Krankenhaus, während die Einschlusskriterien bei TIM-HF2 vorsahen, dass der kardiale Vorfall bis zu einem Jahr zurück liegen konnte.

Trotz der längeren Überwachung in der TIM-HF2-Studie (12 Monate statt 3 Monate) waren die Interventionskosten um 503 Euro geringer als im HMT. Die höheren Kosten lassen sich vor allen Dingen auf die ca. 25 % höheren Personalkosten für das HMT zurückführen. Auch die Kosten für technische Infrastruktur und Messgeräte waren im HMT-Programm höher, da die Logistik und Wiederaufbereitung der Geräte einbezogen wurden.

Fazit

Beide Studien zeigen, dass telemedizinische Programme eine medizinisch effektive und kostensparende Alternative zur herkömmlichen Versorgung von Herzinsuffizienzpatient:innen darstellen können.

Quellen und weiterführende Informationen

Egelseer-Bruendl, T., Jahn, B., Arvandi, M. et al. Cost-effectiveness of a multidimensional post-discharge disease management program for heart failure patients—economic evaluation along a one-year observation period. Clin Res Cardiol (2024). https://doi.org/10.1007/s00392-024-02395-5

Sydow, H., Prescher, S., Koehler, F. et al. Cost-effectiveness of noninvasive telemedical interventional management in patients with heart failure: health economic analysis of the TIM-HF2 trial. Clin Res Cardiol (2022). https//doi: 10.1007/s00392-021-01980-2

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