Telemedizin für Kinder

Im heutigen Beitrag steht die telemedizinische Versorgung kranker Kinder im Mittelpunkt. Welche telemedizinischen Ansätze gibt es? Wo kommen sie zum Einsatz und welche Vorteile bietet Telemedizin für Kinder?

Warum Telemedizin?

Die flächendeckende Versorgung mit fachärztlicher kinder- und jugendmedizinischer Kompetenz kann voraussichtlich in den nächsten Jahren nicht mehr in allen Regionen Deutschlands sichergestellt werden. Praxen werden aus Altersgründen aufgegeben. Allein in Niedersachsen wird bis 2032 rund ein Viertel aller Kinder- und Jugendärzte in den Ruhestand gehen, bereits heute sind zahlreiche Kassensitze unbesetzt.

Wie kann Telemedizin helfen? Telemedizin kann die flächendeckende Verfügbarkeit medizinischer Expertise ermöglichen. Anwendungen wie Telemonitoring können nicht nur die Patientensicherheit und Behandlungskontinuität erhöhen, sondern auch die Therapie für Kinder und ihre Familien alltagstauglicher machen.

Welche Ansätze gibt es?

In der pädiatrischen Versorgung gibt es telemedizinische Ansätze sowohl bei akuten Erkrankungen als auch für chronisch kranke Kinder. Im Folgenden stellen wir ausgewählte telemedizinische Versorgungsansätze vor.

Telemedizin in der Akutmedizinischen Versorgung

Ende letzten Jahres hatte die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO) ein zusätzliches Versorgungsangebot im kinderärztlichen Notdienst eingerichtet. Für die Zeit vom 24. Dezember 2022 bis zum 31. Januar 2023 hatten die Eltern erkrankter Kinder und Jugendlicher in NRW außerhalb der Praxiszeiten, also an den Weihnachtsfeiertagen, Mittwochnachmittagen und an den Wochenenden die Möglichkeit, sich telemedizinisch per Videosprechstunde durch eine Kinderärztin oder einen Kinderarzt beraten zu lassen. Ziel war es, besorgten Eltern beratend zur Seite zu stehen, inwiefern medizinische Maßnahmen erforderlich sind, ein Besuch in der behandelnden Kinderarztpraxis oder das Aufsuchen einer Kindernotdienstpraxis angeraten ist.

Auch außerhalb des zeitlich begrenzten Projekts bieten Kinderärztinnen und -ärzte Videosprechstunden an. Dabei kann es sich um eine allgemeine Beratung handeln: ein Angebot, das zum Beispiel von jungen Eltern gerne angenommen wird, wenn unklar ist, ob ein Besuch in der Kinderarztpraxis notwendig ist oder ob Hausmittel ausreichen. Oder es handelt sich um eine konkrete Beratung, zum Beispiel zur ausgewogenen Ernährung im Kleinkindalter.

Telemedizin in der Versorgung chronisch kranker Kinder

Telemedizin in der Kinderdiabetologie

Die Häufigkeit von Diabeteserkrankungen nimmt weltweit zu, allein in Deutschland leben nach aktuellen Schätzungen ca. 11 Millionen Menschen mit Diabetes. Dabei hat sich die Zahl der Neuerkrankungen an Typ-2-Diabetes bei Jugendlichen in den letzten zehn Jahren verfünffacht. Etwa 3.000 Kinder und Jugendliche erkranken jährlich neu an Typ-1-Diabetes, insgesamt sind etwa 32.000 Kinder und Jugendliche betroffen. Der Einsatz von Sensoren zur kontinuierlichen Glukosemessung und von Insulinpumpen in der Behandlung hat kontinuierlich zugenommen. Damit können die Daten kontinuierlich erfasst und ausgewertet werden.

Für Kinder mit Typ-1-Diabetes sieht die Regelversorgung ein bis zwei Termine pro Quartal in einer pädiatrischen Spezialambulanz vor. Häufigere Kontakte können eine dynamische Insulinanpassung ermöglichen. Ein Teil dieser Termine kann im Einzelfall auch telemedizinisch per Videosprechstunde durchgeführt werden. Darüber hinaus kann die digitale Verfügbarkeit und die Auswertung von Sensordaten das Selbstmanagement unterstützen und die Arbeit in interprofessionellen Behandlungsteams erleichtern.

Telemedizin in der Kinderonkologie

Bei dem Projekt Kult-SH handelt es sich um ein Innovationsfonds gefördertes Projekt, das Telemedizin in Kinderonkologie einsetzt. Dabei geht es nicht darum, die onkologische Therapie zu verändern, sondern darum, die Versorgung alltagstauglicher für die betroffenen Patientinnen und Patienten und ihre Familien zu gestalten.

Gerade in der Versorgung chronisch kranker Kinder sind sehr häufige Arzt-Patienten-Kontakte erforderlich, so auch in kinderonkologischen Zentren. Etwa ein Drittel dieser Termine dient der Erhebung von Vitalparametern und der Überwachung des Gesundheitszustandes. Im Rahmen des Projektes wird untersucht, wie ein Teil der Vor-Ort-Besuche durch einen telemedizinischen Versorgungsansatz ersetzt werden kann.

Die Patientinnen und Patienten sind zu Hause und erfassen mit Messgeräten ihre Vitalparameter wie Temperatur, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung. Die Übertragung der Daten erfolgt digital direkt in die Projekt-App. Persönliche Kontrolltermine in der Ambulanz können so entfallen oder zeitnah und bedarfsgerecht vereinbart werden. Über die App kann auch eine Videokonferenz zwischen Patient, Eltern und Arzt stattfinden. So können Unsicherheiten ausgeräumt oder Handlungsoptionen besprochen werden.

Fazit

In der telemedizinischen Akutversorgung von Kindern spielt die Videosprechstunde eine zentrale Rolle. In einer Videosprechstunde können Eltern über die notwendigen Schritte, seien es Hausmittel, ein Besuch in der Praxis oder in der Notaufnahme, beraten werden und gegebenenfalls ein Rezept erhalten. Telemedizin wird in der Versorgung chronisch kranker Kinder eingesetzt, um Wege und Fahrzeiten einzusparen, Klinikaufenthalte zu verkürzen oder zu vermeiden und für die ganze Familie versäumte Schul- und Arbeitstage oder Herausforderungen in der Geschwisterbetreuung zu reduzieren. Darüber hinaus ermöglicht telemedizinische Lösungen zum Beispiel aufgrund der umfassenderen Datenlage eine Verbesserung der Behandlungskontinuität und unterstützt das Empowerment der Patienten und ihren Eltern. Telemedizinische Anwendungen können die medizinische Versorgung sinnvoll ergänzen und werden auch zukünftig eine größere Rolle spielen.

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Zum Fachartikel: von Sengbusch, S., Frielitz, F.S., Braune, K. et al. Telemedizin in der Kinderdiabetologie. Diabetologe 17, 638–646 (2021)

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