Telemedizin in Polen

In Polen gehören digitale Gesundheitsdienste wie e-Rezept, e-Überweisung und Online-Patientenkonto fest zur Versorgung. Gleichzeitig steht das Gesundheitssystem unter Druck: Wartezeiten, knappe Fachkräfte und regionale Unterschiede prägen den Alltag vieler Patientinnen und Patienten. Genau in diesem Spannungsfeld entwickelt sich die Rolle telemedizinischer Angebote.

Gesundheitsversorgung in Polen

In Polen trifft Telemedizin auf ein Gesundheitssystem, das viele Patientinnen und Patienten vor allem über Wartezeiten erleben. Termine dauern, Facharztzugänge sind knapp, medizinisches Personal fehlt in vielen Regionen und Einrichtungen.

Eine qualitative Studie mit zentralen Akteurinnen und Akteuren des polnischen Gesundheitswesens beschreibt Personalmangel, Bürokratie, hohe Arbeitsbelastung und regionale Unterschiede als wichtige Belastungsfaktoren. Polen liegt bei der Personalausstattung unter dem EU-Durchschnitt: 3,5 Ärztinnen und Ärzte sowie 5,7 Pflegekräfte pro 1.000 Einwohnerinnen und Einwohner, verglichen mit 4,2 Ärztinnen und Ärzten und 8,4 Pflegekräften im EU27-Durchschnitt.

Telemedizin erhält dadurch einen klaren Kontext. Sie kann dazu beitragen, bestimmte Kontakte einfacher zu organisieren, knappe Expertise gezielter verfügbar zu machen und Routineanliegen schneller zu bearbeiten. Ihr Nutzen hängt davon ab, ob digitale Angebote mit guter Organisation, verlässlichen Daten und klaren Abläufen verbunden sind.

Polnische Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger betonen technologische Lösungen ausdrücklich als Teil möglicher Entlastung der knappen Personalressourcen. Neben Telemedizin werden auch Künstliche Intelligenz und Robotik als Ansätze gesehen, die Versorgung beschleunigen und Fachkräfte unterstützen können. Gleichzeitig betonten sie die Bedeutung klarer Regulierung, Erstattung und Patientensicherheit.

Digitale Basisdienste

Zu den zentralen digitalen Bausteinen der polnischen Gesundheitsversorgung gehören heute das e-Rezept, die e-Überweisung und das Internetowe Konto Pacjenta, also das Online-Patientenkonto. Über dieses Konto können Patientinnen und Patienten digitale Gesundheitsdienste nutzen, Rezepte abrufen und Überweisungen einsehen.

Die technische Grundlage vieler eHealth-Dienste bildet die P1-Plattform. Sie ist der zentrale Daten- und Serviceknoten für digitale Prozesse im polnischen Gesundheitswesen. Dort laufen Dienste wie e-Rezepte, e-Überweisungen und Informationen zusammen, die Patientinnen und Patienten über ihr Online-Konto abrufen können. Für die Versorgung ist diese Infrastruktur wichtig, weil sie digitale Kontakte mit Dokumentation, Verordnungen und weiteren Behandlungsschritten verbinden kann.

Das polnische Gesundheitsministerium berichtete 2024 von 1,93 Milliarden ausgestellten e-Rezepten, 197 Millionen e-Überweisungen und 17,92 Millionen Nutzerinnen und Nutzern des Online-Patientenkontos. Digitale Verwaltungsprozesse gehören damit für viele Menschen in Polen zum Versorgungsalltag.

Eine Übersicht zur Entwicklung von Telemedizin und eHealth in Polen beschreibt für die Jahre 2014 bis 2024 deutliche Fortschritte in mehreren Fachgebieten. Telemedizinische Anwendungen finden sich inzwischen in mehreren Fachgebieten, besonders in Psychiatrie, Kardiologie, Geriatrie, Allgemeinmedizin und Rehabilitation. Andere Fachbereiche arbeiten stärker an Studien zur Machbarkeit telemedizinischer Versorgungsformen, Nutzererfahrung und Einführung in den klinischen Alltag.

Die Nutzung hat sich eingependelt

Telemedizinische Lösungen werden genutzt. Daten des Nationalen Gesundheitsfonds zeigen, dass telemedizinische Konsultationen Ende 2023 in der Primärversorgung etwa 9 bis 10 Prozent der Kontakte ausmachten. In der ambulanten fachärztlichen Versorgung lag der Anteil bei rund 4 Prozent. In Psychiatrie und Suchtbehandlung war der Anteil mit etwa 20 Prozent höher.

Eine retrospektive Analyse von mehr als 720.000 hausärztlichen Konsultationen aus den Jahren 2020 bis 2024 macht dabei deutlich, dass Telemedizin eher von Menschen unter 60 Jahren genutzt wird. Ältere Patientinnen und Patienten entschieden sich häufiger für den Kontakt vor Ort.

Diese Zahlen zeigen eine selektive Nutzung. Telemedizin ist in Polen besonders dort Teil der Versorgung geworden, wo sie organisatorisch und medizinisch gut passt: bei Rezeptfragen, Medikationsanpassungen, Verlaufskontrollen, psychiatrischen Kontakten und der Begleitung chronischer Erkrankungen. Genau deshalb ist der Blick auf die Fachkräfte wichtig. Sie erleben im Alltag, welche Kontakte sich gut aus der Ferne führen lassen und wann telemedizinische Lösungen zusätzliche Unsicherheit erzeugen können.

Fachkräfte sehen genau, wo Telemedizin hilft

Eine Befragung unter 237 Beschäftigten eines Krankenhauses in Wrocław zeigt, dass 54 Prozent der Befragten Erfahrung mit telemedizinischer Versorgung hatten. Besonders häufig berichteten Rettungsdienstpersonal, Hausärztinnen und Hausärzte sowie Fachärztinnen und Fachärzte davon. Die Befragten sahen Vorteile bei besserem Zugang für Patientinnen und Patienten und einer effizienteren Nutzung knapper Ressourcen.

Zugleich benannten sie sehr konkrete Grenzen: 73,8 Prozent sahen die fehlende körperliche Untersuchung als Problem, 50,6 Prozent nannten die Verbindungsqualität, 48,9 Prozent sahen Schwierigkeiten bei telemedizinischer Betreuung ohne vorherigen persönlichen Kontakt.

Diese Ergebnisse passen gut zum polnischen Versorgungskontext. Telemedizin kann Kapazitäten entlasten, wenn der Anlass klar ist und Fachkräfte den telemedizinischen Kontakt sinnvoll in den Behandlungsprozess einordnen. Im Rettungsdienst, bei unklaren Beschwerden oder in körperlich geprägten Fächern entstehen andere Anforderungen als bei einer Verlaufskontrolle. Gerade das Rettungsdienstpersonal verfügte besonders häufig über Erfahrung mit Telemedizin und bewertete den Nutzen zugleich skeptischer als andere Berufsgruppen. Ihre Erfahrung macht die Einsatzgrenzen von Telemedizin besonders sichtbar.

Fazit

Der Blick nach Polen zeigt ein Gesundheitssystem, in dem telemedizinische Anwendungen im Alltag angekommen sind. Die Nutzung telemedizinischer Angebote unterscheidet sich deutlich nach Fachgebiet, Patientengruppe und Versorgungssituation. Besonders relevant wird Telemedizin dort, wo sie Zugänge erleichtert, Routineanliegen schneller klärt und knappe Expertise gezielter verfügbar macht.

Die weitere Entwicklung hängt vor allem davon ab, wie gut diese Bausteine miteinander verbunden werden. Digitale Informationen und telemedizinische Kontakte entfalten ihren Nutzen, wenn Behandelnde auf relevante Daten zugreifen können, Patientinnen und Patienten den passenden Zugang finden und Fachkräfte klare Standards für telemedizinische Konsultationen haben. Der Blick nach Polen führt damit zu einer Frage, die viele europäische Gesundheitssysteme und gerade auch den DACH-Raum beschäftigt: Wie werden aus digitalen und telemedizinischen Lösungen gut organisierte Versorgungswege?

Mehr dazu lesen?

Glinkowski, W. M., Cedro, T., Wołk, A., Doniec, R., Wołk, K., & Wilk, S. (2025). Telemedicine, eHealth, and Digital Transformation in Poland (2014–2024): Trends, Specializations, and Systemic Implications. Applied Sciences, 15(16), 8793

Jankowska-Polańska, B., Zgliczyński, W.S., Wywrot, M. et al. Experiences and opinion of medical professionals regarding the use of telemedicine tools in management of patients with chronic diseases: a cross-sectional survey. Sci Rep ,16 12664 (2026).

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Zakrzewski KM, Mularczyk-Tomczewska P, Koweszko T, Mosiołek A and Silczuk A (2025) Telemedicine in polish primary care during and after the COVID-19 crisis: a retrospective analysis of over 720,000 consultations. Front. Public Health 13:1695625.

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