Telemedizin in der geplanten Notfallreform in Deutschland: Chancen, Herausforderungen und internationale Vorbilder

Rolle der Telemedizin in der Notfallreform

Die Notfallversorgung in Deutschland steht vor großen Herausforderungen. Steigende, zum Teil vermeidbare Patientenzahlen in den Notaufnahmen, eine unzureichende Vernetzung der Sektoren und nicht zuletzt der Fachkräftemangel führen zu einer Überlastung der Rettungsdienste, der Notaufnahmen und aller beteiligten Leistungserbringer. Telemedizin soll nun einen Teil der Probleme lösen. In diesem Beitrag geht es um die Rolle der Telemedizin in der geplanten Notfallreform.

Im Juli 2024 hat das Bundeskabinett das neue Notfallgesetz (NotfallG) verabschiedet, das weitreichende Veränderungen für die Notfallversorgung in Deutschland vorsieht. Geplant ist, dass die Reform ab Anfang 2025 in Kraft tritt.

Die Reform zielt darauf ab, die Akutversorgung deutlich zu verbessern und effizienter zu gestalten. Eine kurze Übersicht zu den Inhalten der Reform könnt ihr z. B. hier nachlesen. In diesem Newsletter geht es um die Rolle der Telemedizin in der Notfallreform.

Ein zentraler Schwerpunkt ist der verstärkte Einsatz der Telemedizin, der sowohl die Qualität der medizinischen Betreuung steigern als auch die Abläufe in der Notfallversorgung optimieren soll.

Zur Sicherstellung einer medizinisch notwendigen Erstversorgung von Patientinnen und Patienten mit akutem Behandlungsbedarf werden die Kassenärztlichen Vereinigungen verpflichtet, durchgängig eine telemedizinische und eine aufsuchende Versorgung bereitzustellen.

Auszug aus Entwurf eines Gesetzes zur Reform der Notfallversorgung, S. 2

Mit dem geplanten Ausbau der telemedizinischen Versorgung, die zukünftig rund um die Uhr von den Kassenärztlichen Vereinigungen, beispielsweise über Verträge mit zugelassenen Leistungserbringern, die nicht an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen, angeboten werden soll, könnten niedergelassene Ärztinnen und Ärzte und die Notaufnahmen in den Kliniken entlastet werden. Patient:innen könnten dadurch eine schnellere und effizientere medizinische Versorgung erhalten. Idealerweise können durch den Einsatz von Telemedizin viele Fälle direkt abgeschlossen werden, ohne dass ein physischer Besuch notwendig ist – das spart Zeit, reduziert Kosten und verbessert die Erreichbarkeit ärztlicher Hilfe für die Betroffenen.

Telemedizin bietet das Potenzial, den Zugang zur medizinischen Versorgung zu erleichtern und gleichzeitig die Belastung der Notfalleinrichtungen zu verringern.

Einsatzbereiche der Telemedizin in der Notfallreform

In der geplanten Notfallreform in Deutschland wird die Telemedizin als ein wichtiges Instrument zur Steuerung der Patientenströme betrachtet. Dies soll vor allem in den frühen Phasen der Notfallversorgung eine Entlastung schaffen. Konkret könnte die Telemedizin in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden:

  1. Ersteinschätzung und Triage: Eine zentrale Idee der Reform ist die Einrichtung von telemedizinischen Beratungsdiensten, die Patienten im Vorfeld einer physischen Vorstellung in der Notaufnahme einschätzen und beraten. Besonders in strukturschwachen Regionen bietet sich so die Möglichkeit, fachliche Einschätzungen zu erhalten, ohne dass Patienten lange Anfahrtswege auf sich nehmen müssen.Dies könnte über eine App oder Telefonhotline erfolgen, bei der medizinisches Fachpersonal basierend auf den Symptomen des Patienten eine Ersteinschätzung vornimmt. Patienten, deren Beschwerden nicht akut sind, würden wiederrum an Hausärzte oder andere Versorgungseinrichtungen verwiesen werden.
  2. Telekonsultationen und Fernüberwachung: Auch die Fernüberwachung von Patienten mit chronischen Erkrankungen kann die Notfälle vermeiden. Durch regelmäßige telemedizinische Konsultationen und die Überwachung von Vitalparametern über tragbare Geräte können Patienten frühzeitig behandelt werden, bevor sich ihre Zustände verschlechtern. Ungeplante Krankenhausaufenthalte lassen sich dadurch vermeiden.
  3. Notfallmanagement in ländlichen Gebieten: Über Video- und Datenübertragung können Notärzte in Echtzeit telemedizinisch eingebunden werden, um gemeinsam mit dem vor Ort befindlichen Notfall-Team Entscheidungen zu treffen. Dies kann dazu beitragen, zeitliche und örtliche Versorgungsengpässe zu überbrücken und die Qualität der medizinischen Betreuung auch in entlegenen Regionen sicherzustellen.

Chancen der Telemedizin für die Notfallversorgung

Die Integration von Telemedizin in die Notfallversorgung bringt zahlreiche Vorteile mit sich.

  • Erleichterung des Zugangs zu medizinischer Versorgung, besonders in ländlichen und unterversorgten Gebieten
  • Fernkonsultationen und digitale Diagnostik entlasten Notaufnahmen, indem weniger dringende Fälle frühzeitig betreut werden
  • Echtzeit-Datenaustausch ermöglicht schnellere Diagnosen und Behandlungsentscheidungen, besonders in zeitkritischen Notfällen
  • Telemedizin bietet Nachsorgeoptionen durch Telemonitoring und regelmäßige Konsultationen nach der Entlassung, um Rückfälle oder Komplikationen frühzeitig zu erkennen

Herausforderungen bei der Implementierung

Trotz der zahlreichen Vorteile gibt es auch Herausforderungen bei der Einführung der Telemedizin in die Notfallversorgung. Eine Hürde ist noch immer noch die unzureichende Digitalisierung im Gesundheitswesen. Zu viele Informationen werden noch papierbasiert ausgetauscht. In einigen ländlichen Regionen ist die Internetverbindung nicht ausreichend stabil für die Durchführung telemedizinischer Konsultationen oder Konsile.

Eine weitere Herausforderung ist der Datenschutz. Die Erhebung, Speicherung und Übertragung sensibler Patientendaten über digitale Kanäle erfordern höchste Sicherheitsstandards.

Zudem sind noch nicht alle Ärzte und Pflegekräfte mit telemedizinischen Systemen vertraut. Das kann die Akzeptanz und den erfolgreichen Einsatz dieser Technologien beeinträchtigen.

Beispiele aus dem Europäischen Ausland

Ein Blick in andere europäische Länder zeigt, dass die Telemedizin bereits erfolgreich in die Notfallversorgung integriert werden kann. Schweden setzt wie andere Flächenländer mit teilweise geringer Bevölkerungsdichte auf Telemedizin und technologische Innovationen, wie z. B. Drohnen in der Rettungsmedizin. In Großbritannien hat der National Health Service (NHS) ebenfalls mit der Einführung telemedizinischer Dienste begonnen, um Notaufnahmen zu entlasten. Der „111-Dienst“ ermöglicht es Patient:innen, rund um die Uhr eine telefonische oder digitale Beratung in Anspruch zu nehmen, bevor sie eine Notaufnahme aufsuchen. In Österreich wird Telemonitoring bei ausgewählten Erkrankungen eingesetzt, um Verschlechterungen des Gesundheitszustands frühzeitig zu erkennen und resultierende Notaufnahmen so zu verhindern.

Ausgewählte Projekte und Umsetzungen in Deutschland

Das Projekt „Rettungskette 5G“ erforscht den Einsatz des 5G-Netzes zur Optimierung der Notfallversorgung. Es ermöglicht eine vernetzte Kommunikation zwischen Rettungskräften und Krankenhäusern durch moderne Technologien wie Augmented Reality, Telemedizin und Drohnen. Ein Highlight ist die Verwendung von 5G für die Übertragung von Vitaldaten und Live-Video, um Notärzte aus der Ferne zu unterstützen. Drohnen werden eingesetzt, um lebensrettende Geräte wie Defibrillatoren schnell an Einsatzorte zu bringen.

In Schleswig-Holstein betreibt die RKiSH eine Telemedizinzentrale, die in Echtzeit Vitaldaten von Patient:innen aus Rettungseinsätzen empfängt. Notfallmediziner:innen unterstützen so das Rettungspersonal aus der Ferne. Telemedizin erweitert die ärztliche Versorgung und verbessert die Entscheidungsfindung bei Notfällen, Sekundärtransporten und subakuten Fällen. Außerdem bietet sie Unterstützung beispielsweise für Notfallsanitäter:innen bei komplexen Diagnosen und seltenen Krankheitsbildern. Diese Infrastruktur ermöglicht eine schnellere und effizientere Versorgung im gesamten Einsatzgebiet.

Fazit zur Rolle der Telemedizin in der Notfallreform

Die Telemedizin kann eine relevante Rolle in der zukünftigen Notfallversorgung in Deutschland spielen. Sie bietet die Möglichkeit, den Zugang zur Notfallversorgung zu verbessern, Notaufnahmen zu entlasten und die Effizienz des gesamten Gesundheitssystems zu steigern. Die Herausforderungen, insbesondere im Hinblick auf Infrastruktur, Prozesse, Datenschutz und Schulung, sind jedoch nicht zu unterschätzen. Die positiven Beispiele aus anderen europäischen Ländern, aber auch die bestehenden Umsetzungen in Deutschland zeigen, dass der Einsatz der Telemedizin in der Notfallversorgung gelingen kann.

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1 Kommentar zu „Telemedizin in der geplanten Notfallreform in Deutschland: Chancen, Herausforderungen und internationale Vorbilder“

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