Telemedizin – in Extremsituationen

Telemedizin in Extremsituationen

Um Telemedizin einsetzen zu können, braucht es nahezu immer eine gute Datenverbindung. Nicht umsonst zeigt sich in der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum, dass ohne eine hinreichend stabile und performante Netzabdeckung die Telemedizin, z. B. in Form von der Videosprechstunde, nur eine Idee bleibt. Neben der Infrastruktur sind eine gewisse Technikoffenheit der Nutzer und die Bereitschaft zu organisatorischen Anpassungen seitens der Leistungserbringer Mindestvoraussetzungen für den Telemedizineinsatz. Nun, was bedeutet das für den hohen Bedarf an telemedizinischen Versorgungslösungen in Situationen, in denen die Infrastruktur aufgrund von extremen Ereignissen (z. B. Starkregen, Krieg) zusammenbricht oder erst gar keine Struktur verfügbar ist (Offshore)? Ist die Telemedizin eventuell nur geeignet zur Verbesserung und Ergänzung einer ohnehin schon guten medizinischen Versorgung? Was kann Telemedizin in Extremsituationen leisten?

Telemedizin in Katastrophensituationen

In Katastrophensituationen kommt es häufig zu vielen behandlungsbedürftigen Verletzungen, was in einem hohen Bedarf an medizinischer Erstversorgung resultiert. Zudem nimmt die Anzahl der permanent pflege- und hilfsbedürftigen Personen in unserer Gesellschaft bedingt durch den demografischen Wandel zu. Eine große Anzahl der Menschen hat chronische Erkrankungen. Sie sind auf daher auf die Verfügbarkeit von Medikamenten, medizinischen Systeme (z. B. Dialyse) und Fachpersonal (Pflegebedürftige) angewiesen. Der für Katastrophensituationen charakteristische Mangel an medizinischem Fachpersonal vor Ort stellt alle beteiligten Organisationen, Helfer und Hilfskräfte und nicht zuletzt die Gesellschaft vor große Herausforderung.

Welche Lösungen wurden bisher gefunden? Hier ein paar Beispiele: Im Zuge der Hilfe für die Ukraine haben Anbieter von Videosprechstundenlösungen telemedizinische Beratungen aus dem Ausland ermöglicht. Im Ahrtal wurden Busse eingesetzt, die in die betroffenen Gebiete fuhren. Die Stromversorgung der Busse erfolgte über Solarzellen auf dem Dach der Busse. Im Bus konnten Ärztinnen und Ärzte Wunden versorgen, impfen oder auch eine Videosprechstunde oder ein Konsil mit weiteren FachärztInnen ermöglichen. In zahlreichen Forschungsprojekten wurden verschiedene Ansätze zur besseren Versorgung vulnerabler Gruppen im Katastrophenfall entwickelt und zum Teil getestet. Dabei zeigt sich die Notwendigkeit, dass lokale und regionale Akteure gemeinsam, mögliche besondere Herausforderungen und Lösungswege (die verschiedene technische Umsetzungsvarianten berücksichtigen) identifizieren und die Bevölkerung ausreichend informieren. Telemedizin kann sowohl helfen, Fachexpertise vor Ort verfügbar zu machen, als auch dabei unterstützen, die medizinische Priorisierungsentscheidungen (Triage) zu treffen. International ist Telemedizin in Katrastrophenfällen vielfach im Einsatz.

Telemedizin an extremen Orten

Beispiel Offshore

Telemedizinische Angebote für Menschen an extremen Orten sind stärker verbreitet, als Viele denken mögen. Was zeichnet extreme Orte aus? Die medizinische Standardversorgung ist nicht ohne weiteres möglich. So kann z. B. einem verletzten Wartungstechniker auf einer Offshore-Windkraftanlage nicht unmittelbar von Fachkräften geholfen werden, da die Wetterbedingungen es möglicherweise nicht zulassen, dass ein Rettungshubschrauber oder Boot in den nächsten Stunden den Ort erreicht.

In solchen Fällen kann eine telemedizinische Unterstützung der Kollegen und Kolleginnen vor Ort durch Anleitung zu erweiterten Erste-Hilfe-Maßnahmen erfolgen. Windparkbetreiber sind, wie alle Arbeitgeber, für die Sicherheit und die Gesundheit der Beschäftigten verantwortlich. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen absolvieren daher in der Regel Ersthelfertrainings. In den Trainings wird u.a vermittelt, wie eine weitere Kompetenz telemedizinisch hinzugezogen werden kann. Regelmäßig kommt dafür eine Art Notfallrucksack oder -koffer mit umfangreichem Diagnose-Equipment zum Einsatz, der auch eine Audio- und Videoübertragung zum jeweiligen Telemedizin-Partner herstellt. Durch Telemedizin wird für die Beschäftigen in Offshore-Windparks und anderen schwer zugänglichen Orten eine Verkürzung des therapiefreien Intervalls erreicht.

Hier ist eine Buchempfehlung für Interessierte an Offshore-Versorgung mit Telemedizin.

Beispiel Kreuzfahrtschiff

Aber Telemedizin an extremen Orten hilft nicht nur Menschen mit außergewöhnlichen Berufen, sondern kann auch jedem Urlauber und jeder Urlauberin zukommen: So werden beispielsweise Ärztinnen und Ärzte an Board von Kreuzfahrtschiffen bereits seit einigen Jahren telemedizinisch unterstützt. Häufig erfolgen Telekonsil-Leistungen: z. B. die Befundung von EKG oder radiologischen oder sonografischen Daten durch kooperierende Kliniken. Das erleichtert die medizinische Grund- und Erstversorgung sowohl für die Besatzung als auch für die Gäste an Board. Solche Telekonsilleistungen können ggf. auch asynchron durchgeführt werden.

Beispiel Flugzeug

Auch an Bord von Flugzeugen kann es zu Notfällen kommen, besonders häufig sind Herz-Kreislauf-Beschwerden. Wer dann nicht unbedingt vom mitreisenden Augenarzt behandelt werden möchte, sollte ebenfalls auf telemedizinische Angebote achten. Die Lufthansa setzte bereits 2019 auf Langstreckenflügen regelmäßig ein mobiles EKG-System ein, das es den FlugbegleiterInnen ermöglicht, ein EKG aufzuzeichnen und dieses an eine medizinische Hotline zur Befundung zu übermitteln. Auf Basis der so gewonnenen Daten kann eine informierte Entscheidung über weitere Maßnahmen (z. B. Ausweichlandung) getroffen werden.

Fazit

Was braucht es also, um Telemedizin genau dann einsetzen zu können, wenn die Standardversorgung nicht (mehr) verfügbar ist? Wie kann Telemedizin in Extremsituationen umgesetzt werden? Es braucht zunächst ein Bewusstsein dafür, dass telemedizinische Anwendungen gerade dann einen wichtigen Beitrag zur Gesunderhaltung und Rettung leisten kann, wenn die Infrastruktur nicht (mehr) besteht. Im Netzwerk mit zahlreichen Akteuren lassen sich Lösungen finden.

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