Telemedizin in Apotheken: Drei Wege im DACH-Raum
Telemedizin wird häufig als digitale Arzt-Patient-Kommunikation verstanden, etwa in Form einer Videosprechstunde. Doch nicht alle Menschen verfügen über die notwendige Technik oder nutzen solche Angebote selbstverständlich. Damit stellt sich eine einfache Frage: Wo können Patientinnen und Patienten Telemedizin eigentlich nutzen?
An dieser Stelle kommt die Apotheke ins Spiel. Sie ist wohnortnah erreichbar, vielen Menschen vertraut und gilt als niedrigschwelliger Zugang zur gesundheitlichen Versorgung. Doch wie wird die Apotheke tatsächlich in telemedizinische Versorgungsprozesse eingebunden? Beispiele aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zeigen unterschiedliche Ansätze.
In Österreich wird derzeit ein Modell erprobt, bei dem Apotheken zu einem solchen Zugangspunkt werden. Patientinnen und Patienten können dort eine telemedizinische Konsultation durchführen und bei Bedarf direkt ein elektronisches Rezept erhalten.
In Deutschland ist ein ähnlicher Ansatz bereits gesetzlich vorgesehen. Mit dem Digital Gesetz wurde 2024 die Grundlage geschaffen, dass Apotheken Patientinnen und Patienten bei telemedizinischen Konsultationen unterstützen können. Die konkrete Umsetzung steht noch aus.
In der Schweiz wiederum sind Apotheken bereits in telemedizinische Versorgungsabläufe eingebunden und können als wohnortnaher Zugangspunkt dienen, an dem erste Einschätzungen erfolgen und bei Bedarf eine ärztliche Telekonsultation organisiert wird.
Diese drei Beispiele zeigen unterschiedliche Wege, wie Apotheken in telemedizinische Versorgungsprozesse eingebunden werden können.
Österreich: Telemedizin aus der Apotheke
In Österreich wird derzeit praktisch erprobt, wie Telemedizin aus der Apotheke heraus funktionieren kann. Mit dem Pilotprojekt ApoDoc starten zunächst 15 Apotheken in Wien und Oberösterreich mit einem neuen Versorgungsansatz.
Das Konzept ist sieht vor, dass wenn eine Beratung in der Apotheke nicht ausreicht, können Patientinnen und Patienten direkt vor Ort eine telemedizinische Konsultation in Anspruch nehmen. Falls erforderlich, kann anschließend ein elektronisches Rezept ausgestellt und unmittelbar eingelöst werden.
Gedacht ist das Angebot vor allem für Zeiten, in denen Apotheken geöffnet sind, Arztpraxen jedoch häufig geschlossen haben. Typische Beispiele sind Freitagnachmittage oder Samstage.
Das Pilotprojekt läuft zunächst bis Mitte des Jahres und soll zeigen, wie gut dieses Modell im Alltag funktioniert. Ein zentraler Kritikpunkt an diesem Modell betrifft die Frage, wo medizinische Diagnostik und Therapieentscheidungen stattfinden sollten. Aus Sicht der Kritiker gehören diese grundsätzlich in ärztliche Ordinationen und nicht in Beratungsräume von Apotheken.
Hinzu kommen Fragen der Haftung, der Dokumentation und der Verantwortlichkeit. Wer trägt die Verantwortung, wenn eine telemedizinische Einschätzung nicht ausreichend ist? Wie werden Befunde dokumentiert? Und wie wird sichergestellt, dass die Behandlung in bestehende Versorgungsstrukturen integriert bleibt?
Auch aus Public-Health-Perspektive wird argumentiert, dass telemedizinische Angebote bereits heute von Ärztinnen und Ärzten selbst bereitgestellt werden und zusätzliche Modelle unnötige Parallelstrukturen schaffen könnten.
Deutschland: Gesetzliche Grundlage, aber noch keine Umsetzung
In Deutschland ist assistierte Telemedizin in Apotheken seit 2024 grundsätzlich möglich. Mit dem Digital-Gesetz wurde eine rechtliche Grundlage geschaffen, die es Apotheken erlaubt, Patientinnen und Patienten bei telemedizinischen Konsultationen zu unterstützen. Allerdings konnten sich der Deutsche Apothekerverband und der GKV-Spitzenverband bislang nicht auf alle Details der Umsetzung einigen. Strittig sind unter anderem Fragen der Organisation, der Vergütung und der konkreten Abläufe.
Die offenen Punkte sollen nun in einem Schiedsverfahren geklärt werden. Erst danach wird sich zeigen, wann und in welcher Form assistierte Telemedizin in Apotheken tatsächlich eingeführt wird.
Deutschland befindet sich damit derzeit in einer Übergangsphase: Die gesetzliche Grundlage ist vorhanden, die flächendeckende Umsetzung steht jedoch noch aus.
Schweiz: Teil der Versorgung
In der Schweiz ist Telemedizin in verschiedenen Versicherungsmodellen fest in die Versorgungssteuerung eingebunden und übernimmt häufig den ersten medizinischen Kontakt. In diesem Zusammenhang können Apotheken Teil des weiteren Versorgungsprozesses werden. Ihre Rolle liegt vor allem darin, telemedizinisch angestoßene Behandlungsschritte vor Ort zu ergänzen, etwa wenn zusätzliche diagnostische Abklärungen oder eine strukturierte Einschätzung sinnvoll sind.
Ein Beispiel sind Modelle, in denen Patientinnen und Patienten nach einer telemedizinischen Ersteinschätzung gezielt in eine Apotheke gelenkt werden. Dort kann pharmazeutisches Fachpersonal strukturierte Erhebungen durchführen oder einzelne diagnostische Maßnahmen unterstützen. In einigen Umsetzungen wird dieser Ablauf durch digitale Instrumente ergänzt, etwa durch Geräte zur standardisierten Erfassung von Lungengeräuschen bei respiratorischen Beschwerden. Die Ergebnisse fließen anschließend in die weitere medizinische Entscheidung ein, die von einer Empfehlung zur Selbstbehandlung bis hin zu einer Verschreibung oder einer Weiterleitung in eine ärztliche Versorgung reichen kann.
In solchen Modellen fungiert die Apotheke damit als wohnortnaher Ort innerhalb eines telemedizinisch strukturierten Versorgungsablaufs. Sie ergänzt die telemedizinische Ersteinschätzung um diagnostische und organisatorische Schritte vor Ort und trägt dazu bei, dass medizinische Entscheidungen unmittelbar umgesetzt werden können.
Fazit
Die Beispiele aus Österreich, Deutschland und der Schweiz zeigen, dass Apotheken in telemedizinischen Versorgungsmodellen sehr unterschiedliche Rollen übernehmen können. Sie können als Zugangspunkt, als unterstützender Ort für telemedizinische Konsultationen oder als physischer Versorgungsort innerhalb eines telemedizinisch gesteuerten Behandlungspfads fungieren. Damit erweitert sich die Rolle der Apotheke innerhalb der Versorgung: Neben Beratung und Arzneimittelversorgung können dort auch einzelne Schritte eines telemedizinisch strukturierten Behandlungsprozesses stattfinden.
Mehr dazu lesen?
Ausgewählte Studie zur Umsetzung in der Schweiz: Braillard, O., Mazouri Karker, S. et al. (2024). Assisted teleconsultation in an outpatient pharmacy: Results of a pilot study in Geneva, Switzerland. Journal of Telemedicine and Telecare, 31(6).
Zur Umsetzung in Österreich
Assistierte Telemedizin in Apotheken in Deutschland
Diskussion zur assistierten Telemedizin in der Apotheke