Erster deutscher Expertenkonsens zur Telemedizin in der Urologie
Telemedizin wird in der urologischen Versorgung bereits seit einigen Jahren eingesetzt. Dennoch spielt sie in den aktuellen urologischen Leitlinien bislang nur eine begrenzte Rolle. Zwischen praktischer Anwendung und formaler Leitlinienverankerung besteht daher eine deutliche Lücke. Ein neuer deutscher Expertenkonsens greift diese Situation auf und versucht, die bestehenden Erfahrungen systematisch einzuordnen.
Der Konsens wurde von 15 Expertinnen und Experten erarbeitet. In einem strukturierten Verfahren wurden zunächst 21 Aussagen zur Telemedizin in der Urologie bewertet. In einer zweiten Diskussionsrunde wurden insgesamt 23 Statements überprüft und weiterentwickelt. Am Ende konnte für 22 dieser Aussagen ein gemeinsamer Konsens erzielt werden. Die Ergebnisse geben einen Einblick in den aktuellen Stand der Diskussion und zeigen zugleich auf, welche Perspektiven für die Weiterentwicklung telemedizinischer Anwendungen gesehen werden.
Neue Versorgungsmodelle in der urologischen Medizin
Ein zentrales Ergebnis des Konsensus ist die Einschätzung, dass Telemedizin neue Versorgungsmodelle in der Urologie ermöglichen kann. Videosprechstunde, telemedizinische Verlaufskontrollen oder strukturierte Nachsorgemodelle können einzelne Schritte eines Behandlungspfades unterstützen oder in bestimmten Fällen auch komplette Behandlungsprozesse begleiten.
Dabei kommen sowohl synchrone als auch asynchrone Kommunikationsformen zum Einsatz. Besonders in der Nachsorge urologischer Tumorerkrankungen sehen die Expertinnen und Experten Potenzial für telemedizinische Modelle. Durch digitale Kontakte können Verlaufskontrollen erleichtert und Wege für Patientinnen und Patienten reduziert werden, ohne dass medizinische Qualität verloren geht.
Effizienzpotenziale und strukturelle Voraussetzungen
Telemedizin kann dazu beitragen, Ressourcen effizienter zu nutzen und Versorgungsprozesse besser zu organisieren. Gleichzeitig betont der Konsens, dass der bloße Einsatz digitaler und telemedizinischer Lösungen nicht automatisch zu einer geringeren Arbeitsbelastung führt. Entscheidend ist vielmehr, wie telemedizinische Anwendungen in bestehende Versorgungsstrukturen integriert werden.
Besondere Bedeutung messen die Autorinnen und Autoren strukturellen Rahmenbedingungen bei. Dazu gehören vor allem eine angemessene Vergütung telemedizinischer Leistungen sowie der systematische Aufbau von Kompetenzen in Ausbildung und Weiterbildung.
Vor dem Hintergrund steigender Patientenzahlen und einer zunehmend älter werdenden Ärzteschaft wird Telemedizin daher als ein möglicher Ansatz gesehen, medizinische Versorgung künftig anders zu organisieren. Auch der Einsatz von künstlicher Intelligenz sowie eine stärkere Integration digitaler Lösungen in bestehende Prozesse könnten dazu beitragen, Arbeitsabläufe zu entlasten und gleichzeitig die Patientenversorgung zu verbessern.
Der Expertenkonsens macht deutlich, dass sich die Urologie aktuell intensiv mit den Möglichkeiten telemedizinischer Versorgung auseinandersetzt. Gleichzeitig zeigt er, welche organisatorischen und strukturellen Fragen in den kommenden Jahren noch geklärt werden müssen.
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Rodler S, Risch J, Weiss ML, Leyh-Bannurah S, von Bueren M, Siegel F, Meißner A, Piotrowski A, Bauser M, Potempa DM, Franke M, Schneider AW, Hermann E, von Bueren J, Kohler J, Nuhn P, Wülfing C, Witzsch U, Struck J, Borgmann H. Erster deutscher Expertenkonsens zu Telemedizin in der Urologie [First German expert consensus on telemedicine in urology]. Urologie. 2026 Mar 6