Telemonitoring in Europa: Wo stehen wir?
Es beginnt oft schleichend: Die Beine sind morgens schwerer als sonst. Die Luft fehlt schon beim Zähneputzen. Ein mulmiges Gefühl macht sich breit – ist es einfach ein schlechter Tag, oder steckt mehr dahinter? Für Menschen mit Herzinsuffizienz kann genau dieser Moment der Anfang einer gefährlichen Verschlechterung sein. Doch wer erkennt das rechtzeitig? Genau hier setzt Telemonitoring an – als digitale Lebenslinie, die Risiken früh erkennt, bevor es ernst wird.
Was ist Telemonitoring?
Patient:innen mit chronischer Herzinsuffizienz (CHF = Chronical Heart Failure) erfassen täglich Werte wie Blutdruck, Puls und Gewicht – mithilfe geeigneter Geräte und einer App auf dem Smartphone oder Tablet. Die Daten werden automatisiert an ein betreuendes Pflege- und Ärzteteam übermittelt und zentral ausgewertet.
Bei implantierten Geräten – zum Beispiel modernen Defibrillatoren (ICD = Implantierbarer Kardioverter-Defibrillator) oder Resynchronisationssystemen (CRT = Kardiale Resynchronisationstherapie) – läuft die Übertragung sogar vollständig automatisch und ohne Zutun der Patient:innen.
Wird ein kritischer Grenzwert überschritten, greift das Telemonitoring-Team ein: Innerhalb einer definierten Zeit erfolgen geeignete Maßnahmen, wie ein Anruf, eine Nachricht und gegebenenfalls eine Anpassung der Therapie.
Warum ist das wichtig?
Herz-Kreislauf-Erkrankungen gehören europaweit zu den häufigsten Gründen für Hospitalisierungen. Telemonitoring kann helfen, Komplikationen frühzeitig zu erkennen, Klinikaufenthalte zu vermeiden und die Lebensqualität zu verbessern.
Doch wie weit sind europäische Länder bei der Integration in die Regelversorgung? Ein aktueller Überblick zeigt: Die Dynamik ist groß – die Umsetzung uneinheitlich. Ob Patient:innen von Telemonitoring profitieren können, hängt stark davon ab, wo sie leben.
Schauen wir uns den Status in ausgewählten Ländern an:
🇫🇷 Frankreich
Frankreich hat mit dem ÉTAPES-Programm und mehreren Gesetzesreformen seit 2014 schrittweise die Voraussetzungen für die flächendeckende Einführung und Erstattung telemedizinischer Leistungen geschaffen – darunter auch Remote Monitoring bei Herzinsuffizienz und CIED-Patient:innen, das inzwischen als Standardversorgung gilt. Die Vergütung erfolgt über die gesetzliche Krankenversicherung in zwei Paketen (für Betreiber und Hersteller) und fördert damit die Weiterentwicklung von RPM, auch wenn bestimmte Technologien wie z. B. implantierbare Loop-Recorder aktuell noch nicht erstattet werden. Mehr dazu hier.
🇮🇹 Italien
Italien verfügt trotz seines stark regionalisierten Gesundheitssystems über eine weit verbreitete Anwendung von Telemonitoring für CIED-Kontrollen, die in der Hälfte der Regionen reguliert und vergütet wird – jedoch mit begrenztem Leistungsumfang und niedriger Vergütung, die nur Gerätekontrollen, nicht aber das Krankheitsmanagement abdeckt. Die Umsetzung hängt stark vom Engagement lokaler Teams ab, eine landesweite Strategie fehlt bisher.
🇵🇱 Polen
In Polen wurden seit 2018 mehrere telemedizinische Angebote etabliert, darunter hybride kardiale Telerehabilitation und RPM für Patient:innen mit implantierbaren Herzgeräten (CIEDs), die erstattet werden. Trotz staatlicher Förderprogramme bestehen weiterhin Finanzierungslücken, insbesondere bei längeren Monitoring-Zeiträumen und in der breiten Verfügbarkeit nicht-invasiver Verfahren außerhalb spezialisierter Einrichtungen.
🇪🇸 Spanien
Spaniens stark regionalisiertes Gesundheitssystem und das Fehlen einheitlicher institutioneller und regulatorischer Rahmenbedingungen erschweren die flächendeckende Umsetzung von Telemonitoring, obwohl bereits seit 2003 ein nationaler Interoperabilitätsrahmen existiert. Während es während der COVID-19-Pandemie zu einem deutlichen Anstieg von Remote-Monitoring-Aktivitäten kam, fehlen derzeit Erstattungsregelungen, und es bestehen weiterhin erhebliche regionale Unterschiede in der Umsetzung. So werden zwar allgemeine Fernberatungen angeboten, auch mit dem Ziel Hospitalisierungen zu vermeiden, diese sind jedoch bei weitem nicht so spezifisch, wie das Telemonitoring bei Herzinsuffizienz in Deutschland.
🇳🇱 Niederlande
Die Niederlande verfügen über eine gut ausgebaute E‑Health-Infrastruktur mit zahlreichen digitalen Angeboten, wie auch dem Telemonitoring, das besonders seit der COVID-19-Pandemie an Bedeutung gewonnen hat. Seit 2023 sind auch Erstattungen für bestimmte Leistungen, wie z. B. in der Telekardiologie verfügbar, allerdings ist die Umsetzung regional sehr unterschiedlich. Unter anderem fehlen gemeinsame Standards, die den Datenaustausch erleichtern würden.
🇬🇧 Vereinigtes Königreich
Zwischen 2001 und 2023 hat sich das Vereinigte Königreich schrittweise von der RPM-Nutzung bei chronischen Erkrankungen hin zu einem umfassenderen, technologiegestützten Versorgungskonzept entwickelt – einschließlich virtueller Stationen (virtual wards) und digitaler Triage. Trotz zahlreicher verfügbarer Telemonitoring-Angebote, die auch vergütet werden, bleibt die Umsetzung uneinheitlich, insbesondere aufgrund von Herausforderungen im Datenmanagemen
🇦🇹 Österreich
Mit HerzMobil bietet Österreich ein etabliertes, viergliedriges Telemonitoring-Programm mit starker Pflegeanbindung und klarer Struktur für Schulung, Datenübertragung, Therapieoptimierung und Netzwerkarbeit. Besonders ist unter anderem der starke intersektorale, interdisziplinäre und vernetzte Ansatz oder die häusliche Einweisung in die Gerätenutzung durch Pflegekräfte, die Alltag und Versorgungsbedarfe individuell erfassen und begleiten – mit positiven Effekten auf Stabilität und Eigenkompetenz der Patient:innen.
🇩🇪 Deutschland
Deutschland hat durch Studien wie TIM-HF2 und IN-TIME entscheidende Grundlagen geschaffen. Seit dem G‑BA-Beschluss von 2021 ist Telemonitoring für Patient:innen mit Herzinsuffizienz Teil der Regelversorgung. Mit dem Telemedizinzentrum (TMZ) wurde hierfür eigens eine neue Struktur im Gesundheitssektor geschaffen. Über 150.000 Menschen könnten heute bereits profitieren. Aber Herausforderungen – etwa durch sektorale Trennung bestehen weiterhin. Starke Initiativen treiben technologische Innovationen voran, etwa KI-gestützte Risikovorhersagen oder invasive Drucksensorik. Dennoch bleibt die Zahl der tatsächlich im Telemonitoring versorgten Patient:innen hinter dem Potenzial zurück. Ein Blick in die Arztsuche der Website 116117 de nach Kardiolog:innen, die laut ihrer KV die Abrechnungsberechtigung für Telemonitoring haben, vermittelt diesen Eindruck:

In manchen Regionen ist kein einziges telemedizinisches Zentrum (TMZ) gelistet, in anderen finden sich bis zu 25 Kardiolog:innen mit der Zusatzangabe zur Teilnahme am Telemonitoring-Programm (mit Abrechnungsberechtigung für Telemonitoring). Allerdings ist diese Datenbasis nur sehr bedingt geeignet und kann aufgrund ihrer Konzeption und ggf. Unvollständigkeit einen falschen Eindruck erzeugen. Offiziell veröffentlichte Daten zur tatsächlichen Versorgungsrealität fehlen bislang.
🔭 Fazit: Gemeinsam lernen, individuell handeln
Europa ist vielfältig – das zeigt sich auch in der Umsetzung von Telemonitoring. Aber überall gilt: Digitale Begleitung chronisch Erkrankter ist mehr als Technik. Sie erfordert neue Rollen, stabile Prozesse, gute Daten und vor allem Vertrauen. Telemedizin und insbesondere Telemonitoring können die kardiologische Versorgung grundsätzlich verbessern, wenn es gelingt, alle Stakeholder (insbesondere die Patient:innen, die sehr unterschiedliche Hintergründe haben können) aktiv in den Prozess einzubinden, die Daten optimal zu nutzen und die Bereitschaft besteht, voneinander zu lernen.
Inspiration und Quellen
Helms, T. M. et al. (2025). The present and future of cardiological telemonitoring in Europe: A statement from seven European countries. Herzschrittmachertherapie + Elektrophysiologie. https://doi.org/10.1007/s00399-025-01076-8
Hinterbuchner, K., Kleinheinz, E., Fetz, B., Pölzl, L., Holfeld, J., Pfeifer, B., Neururer, S., Puelacher, C., Gollmann-Tepeköylü, C., Krestan, S., Huber, A., & Pölzl, G. (2024). HerzMobil Tirol PreOp – A multidisciplinary telemonitoring project for heart failure patients prior to cardiac surgery. In D. Hayn et al. (Eds.), Digital Personalized Health and Medicine. Studies in Health Technology and Informatics (Vol. 313, pp. 141–142). IOS Press. https://doi.org/10.3233/SHTI240026
Poelzl, G. et al. (2022) Feasibility and effectiveness of a multidimensional post-discharge disease management programme for heart failure patients in clinical practice: the HerzMobil Tirol programme. Clin Res Cardiol 111, 294–307. https://doi.org/10.1007/s00392-021-01912-0
Spethmann, S., & Köhler, F. (2022). Telemedizin bei chronischer Herzinsuffizienz – von klinischen Studien zur Regelversorgung. Der Internist, 63(3), 266–273. https://doi.org/10.1007/s00108-022-01268-1
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