Telemedizin in der OP-Vorbereitung – Mit Prähabilitation zu besseren Ergebnissen?
Die Vorbereitung auf eine Operation – die sogenannte Prähabilitation – gewinnt zunehmend an Bedeutung. Ziel dieses Konzepts ist es, Patient:innen körperlich und mental bestmöglich auf größere chirurgische Eingriffe vorzubereiten. Während traditionelle Programme oft ressourcenintensiv sind und Patient:innen weite Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen, bietet die Telemedizin innovative Ansätze, diese Hürden zu überwinden.
Was ist Prähabilitation?
Prähabilitation ist ein strukturiertes Programm, das in der Regel vier bis acht Wochen vor einer Operation beginnt. In bestimmten Fällen ist ein kurzfristiger Beginn, etwa zwei bis drei Wochen vor dem Eingriff, ebenfalls möglich. Das Programm kombiniert mehrere essenzielle Bausteine: körperliches Training, Ernährungsoptimierung, psychosoziale Unterstützung sowie Motivationstraining. Ziel ist es, die funktionelle Kapazität der Patient:innen schon vor der Operation zu steigern, um Komplikationen zu minimieren und die Genesung zu beschleunigen.
Zu den Kernkomponenten der Prähabilitation gehören Ausdauer- und Krafttraining, Atemmuskelübungen und die Förderung der Alltagsaktivität. Diese Maßnahmen werden ergänzt durch individuell angepasste Ernährungstherapien, die je nach Ernährungsstatus der Patient:innen variieren. Darüber hinaus dient psychologische Unterstützung dazu, Ängste und Stress zu reduzieren sowie die Motivation der Patient:innen zur aktiven Mitwirkung in der Prähabilitation zu fördern.
Telemedizin in der Prähabilitation
Telemedizinische Lösungen können einen wichtigen Beitrag zur Prähabilitation leisten, indem sie viele Elemente des Programms ortsunabhängig umsetzen. Dazu gehören zum Beispiel Videokonsultationen mit Ernährungsberater:innen, digitale Bewegungsprogramme und virtuelle Gruppensitzungen zur psychologischen Unterstützung. Die telemedizinische Umsetzung ermöglicht eine nahtlose Integration der Maßnahmen in den Alltag der Patient:innen und reduziert sowohl Anfahrtszeiten und Aufwand der Patient:innen.
Vorteile für Patient:innen
Ein großer Vorteil der telemedizinischen Prähabilitation ist die Möglichkeit, Patient:innen direkt zu Hause zu betreuen. Dies ist besonders für ältere oder mobilitätseingeschränkte Menschen von großem Nutzen. Bewegungstherapien können per Videoüberwachung individuell angepasst werden, was die Patientensicherheit erhöht und gleichzeitig die Motivation fördert, die Übungen regelmäßig durchzuführen. Ernährungspläne lassen sich über digitale Plattformen bereitstellen und flexibel auf die individuellen Bedürfnisse der Patient:innen abstimmen – unabhängig vom Wohnort oder der Verfügbarkeit von Expert:innen vor Ort. Ergänzend könnten ausgewählte Parameter bereits im Rahmen eines Telemonitoring überwacht werden.
Studien zeigen, dass Patient:innen, die mental gut auf einen Eingriff vorbereitet sind, schneller genesen und weniger postoperative Komplikationen erleiden. Telemedizinische Ansätze könnten insbesondere jenen Patient:innen helfen, die aufgrund räumlicher Distanz keinen Zugang zu psychologischer Unterstützung hätten. Virtuelle Sitzungen bieten eine flexible Alternative zu Präsenzangeboten und unterstützen effektiv den Abbau von Ängsten und Stress vor der Operation.
Ein weiterer Vorteil der Telemedizin liegt in der Möglichkeit der kontinuierlichen Überwachung des Fortschritts. Standardisierte Fragebögen und regelmäßige Check-ins ermöglichen eine gezielte Dokumentation der Fortschritte und die Anpassung der Maßnahmen bei Bedarf. Diese direkte Rückkopplung stärkt das Vertrauen der Patient:innen und fördert deren aktive Mitwirkung am eigenen Genesungsprozess.
Digitale Tools für die Prähabilitation
Es gibt mittlerweile mehrere spezialisierte Apps, die die digitale Prähabilitation unterstützen und individuell an die Bedürfnisse der Patient:innen angepasst werden können, z. B.
- The Prehab App – Eine App für deutschsprachige Nutzer:innen, die personalisierte Trainingsprogramme basierend auf Risikodaten erstellt und sofort einsatzbereit auf das Smartphone der Patient:innen gespielt wird.
- Surgery Hero – Ein in Großbritannien entwickeltes Programm, das Patient:innen während der gesamten präoperativen Phase begleitet und durch edukative Inhalte sowie personalisierte Pläne unterstützt.
- PREP4Surg – Diese Plattform bietet gezielte Prähabilitation vor chirurgischen Eingriffen, inklusive Bewegung, Ernährung und mentalem Training, um die Genesung zu fördern.
Vorteile für Behandler und Kostenträger
Die Prähabilitation kann sowohl für Behandler als auch für Kostenträger Vorteile bieten. Aus Sicht der Kostenträger kann eine effizient und effektiv durchgeführte Prähabilitation dazu beitragen, die Wahrscheinlichkeit von Komplikationen zu senken und infolgedessen die Notwendigkeit erneuter Krankenhausaufenthalte zu minimieren.
Für Behandler ergibt sich eine höhere Kosteneffizienz durch kürzere stationäre Aufenthalte und geringere Komplikationsraten. Die kontinuierliche Überwachung des Prähabilitationsprozesses kann die Adhärenz der Patient:innen verbessern, was den Behandlungserfolg erhöht und den gesamten Versorgungsprozess effizienter gestaltet.
Insgesamt ist auch die Studienlage zur Kosteneffizienz recht heterogen. Eine Übersichtsarbeit aus 2023 kam zum Schluss, dass die Kosteneffizienz häufiger bei Krebspatient:innen und Patient:innen mit hohem perioperativen Risiko sowie bei kostengünstigen (kürzeren oder heimbasierten) Prähabilitationsprogrammen festgestellt werden konnte.
Herausforderungen in der Praxis
Trotz der vielen Vorteile steht die telemedizinische Prähabilitation vor typischen Hürden, die flächendeckende Nutzung telemedizinischen Lösung häufig hemmen. Dazu gehören:
- unzureichende digitale Infrastruktur
- unsicherer Umgang mit der eingesetzten Technologie
- fehlende Verfügbarkeit geeigneter technischer Ausstattung
- fehlende Digitale Kompetenz der Nutzer:innen
- nicht ausreichende Akzeptanz telemedizinischer Ansätze
- organisatorische, rechtliche und /oder finanzielle Unsicherheit
Wie bei herkömmlichen Prähabilitationsprogrammen ist auch bei der telemedizinischen Variante die intersektorale und interdisziplinäre Zusammenarbeit entscheidend. Ärzt:innen, Pflegekräfte und weitere Gesundheitsdienstleister müssen eng zusammenarbeiten, um eine hochwertige Betreuung zu gewährleisten. Das Einbetten telemedizinischer Lösungen in bestehende Versorgungsstrukturen kann die Beteiligten jedoch vor technische, organisatorische sowie rechtliche und finanzielle Herausforderungen stellen.
Fazit
Die telemedizinische Prähabilitation hat das Potenzial, die OP-Vorbereitung grundlegend zu verändern. Sie macht die Behandlung flexibler, zugänglicher und kann Kosten reduzieren. Zudem stellt sie sicher, dass Patient:innen unabhängig von ihrem Wohnort Zugang zu hochwertiger Versorgung erhalten. Die Studienlage zu den Effekten der Prähabilitation ist jedoch aktuell noch zu heterogen.
Zukünftig wäre ein umfassendes Konzept denkbar, das telemedizinische Prähabilitation mit anschließender Tele-Rehabilitation kombiniert. Durch eine nahtlose digitale Betreuung vor und nach der Operation könnte der gesamte Behandlungsprozess optimiert werden, wodurch nicht nur die Genesung gefördert, sondern auch langfristige Therapieerfolge gesteigert werden könnten. Ein solches integriertes Modell würde die Kontinuität der Versorgung sicherstellen und den Weg zu einer patientenzentrierten, digitalen Gesundheitsversorgung ebnen.
Mehr dazu lesen?
Rombey T, Eckhardt H, Kiselev J, Silzle J, Mathes T, Quentin W. Cost-effectiveness of prehabilitation prior to elective surgery: a systematic review of economic evaluations. BMC Med. 2023 Jul 19;21(1):265.