Telemedizin in Rumänien

Wie kann Telemedizin eingesetzt werden, wenn medizinische Ressourcen regional sehr ungleich verteilt sind? Schauen wir uns Telemedizin in Rumänien an: An Ärzt:innen fehlt es Rumänien nicht: 3,7 je 1.000 Einwohner:innen, nahe am OECD-Durchschnitt. Rund 90 % von ihnen arbeiten allerdings in städtischen Einrichtungen, während mehr als die Hälfte der 19 Millionen Einwohner:innen auf dem Land lebt. Dazu kommt eine schwach finanzierte Primärversorgung. 2023 flossen 9 % der Gesundheitsausgaben in diesen Bereich, der niedrigste Anteil in der OECD. Was das bedeutet, zeigt eine aktuelle Analyse: Bei 72 % der Patient:innen in rumänischen Notaufnahmen hätte die hausärztliche Versorgung gereicht.

Aktuelle Nutzung

Rumänien ist damit ein gutes Beispiel für eine Frage, die viele Gesundheitssysteme beschäftigt: Welche Aufgaben kann Telemedizin übernehmen, wenn medizinische Ressourcen regional ungleich verteilt sind?

Eine erste Antwort darauf findet sich in der rumänischen Notfallversorgung. Besonders in ländlichen Regionen können Rettungsdienste bei schwierigen Wetterbedingungen im Winter an ihre Grenzen kommen. Über die telemedizinischen Zentren sollen medizinische Informationen schneller ausgetauscht und Patiententransfers unterstützt werden. Dafür werden 131 Notaufnahmen mit vier regionalen telemedizinischen Notfallzentren in Bukarest, Târgu Mureș, Timișoara und Iași verbunden. Über das System können Audio-, Video- und medizinische Daten in Echtzeit übertragen werden. Ärzt:innen in den regionalen Zentren können so bei Diagnose, Behandlung und der Entscheidung über einen möglichen Patiententransfer unterstützen.

Neben solchen Initiativen gibt es privatärztliche Angebote, die sich direkt an Patient:innen richten, als Selbstzahlermodell. Ein Beispiel ist Medic Chat. Patient:innen können dort Ärzt:innen verschiedener Fachrichtungen auswählen, ihr Anliegen schriftlich schildern und Befunde oder Bilder übermitteln. Die ärztliche Beratung kann asynchron erfolgen.

Der Zugang zu medizinischen Informationen verdient dabei einen zweiten Blick. Gesundheitsdaten liegen in Rumänien in getrennten Systemen. Die nationale elektronische Patientenakte existiert, aber nur etwa 0,07 % der Patient:innen haben ihre Akte je geöffnet. Für eine telemedizinische Konsultation stellt sich damit ganz praktisch die Frage, was der behandelnden Ärztin zum Zeitpunkt der Beratung überhaupt vorliegt.

Der rechtliche Rahmen entsteht schrittweise. Im Juli 2026 wurde Telerehabilitation per Gesetz als eigene telemedizinische Leistung aufgenommen. Die nationale Digitalisierungsstrategie 2026–2030 sieht darüber hinaus vor, 2026 das Telemedizinsystem zu planen und erst 2027 bis 2028 die nötigen Regelungen samt Finanzierung, Abrechnungswegen, Leitlinien und Akkreditierungskriterien zu entwickeln.

Perspektive der Patient:innen

Eine 2025 veröffentlichte Studie hat 125 Patient:innen befragt und dazu die Digitalisierung in 15 Krankenhäusern erhoben. Telemedizin war dort in zwei Häusern im Einsatz. Drei von vier Befragten nahmen deutliche Unterschiede zwischen privater und öffentlicher Versorgung wahr. Knapp neun von zehn wünschten sich mehr digitale Angebote, allen voran Telemedizin, elektronische Patientenakte und Online-Terminbuchung. Aber, die Stichprobe ist klein und stark städtisch geprägt. Für die rumänische Bevölkerung steht sie nicht.

Perspektive der Ärzt:innen

Eine landesweite Studie befragte 2023 über die nationale Qualitätsbehörde 1.093 Ärzt:innen aus 300 überwiegend städtischen Krankenhäusern. Untersucht wurde, was ihre Bereitschaft beeinflusst, Telemedizin zu nutzen. Das Ergebnis finde ich tatsächlich überraschend. Am stärksten wirkt nicht der wahrgenommen Nutzen der Technik, sondern das kollegiale und institutionelle Umfeld: was Vorgesetzte und Kolleg:innen für richtig halten. Erst dahinter folgen die Erreichbarkeit der Patient:innen und der Zugang zu deren medizinischen Daten. Der wahrgenommene Nutzen der Telemedizin selbst rangiert danach, finanzielle Anreize und die Bedienbarkeit der Geräte spielen die kleinste Rolle.

Perspektive der Hausärzt:innen

Aus der Primärversorgung habe ich zunächst nur eine Untersuchung identifizieren können, und sie ist klein: 56 Allgemeinmediziner:innen im Kreis Cluj, befragt zwischen April und September 2020, also mitten in der Pandemie.

Schon der Ausgangspunkt ist bemerkenswert. Telefonische Beratung gehörte laut den Autor:innen in ländlichen Praxen seit Jahren zum Alltag, bezahlt wurde sie nie. Erst am 30. März 2020 erstattete die Krankenkasse Telekonsultationen zum ersten Mal, als Notmaßnahme im Ausnahmezustand.

Die Bilanz der Befragten fällt zwiespältig aus. Rund 60 % empfanden Teleberatung als zeitaufwendiger als einen Praxisbesuch, knapp zwei Drittel waren sich bei der Ferndiagnose unsicher. Zugleich sahen fast zwei Drittel ihre Patient:innen virtuell ebenso gut versorgt wie vor Ort. Und 91 % wollten die Erstattung über die Pandemie hinaus behalten.

Fazit

Rumänien baut Telemedizin an beiden Enden seines Gesundheitssystems aus: oben im Akutbereich mit 131 Notaufnahmen an vier Regionalzentren, unten im Privatmarkt für Selbstzahler:innen. Beides hat seinen Wert, und die Telerehabilitation erspart gerade Menschen auf dem Land viele Fahrten.

Ausgespart bleibt die Ebene dazwischen. Die 72 % in den Notaufnahmen entstehen nicht aus fehlender Facharztmedizin, sondern aus einer Primärversorgung, die mit 9 % der Ausgaben auskommen muss. Dort wird digital durchaus gearbeitet: Die nationale Patientenakte wird überwiegend von Hausärzt:innen gefüllt, während die Krankenhäuser kaum Daten einspeisen. Beim Ausbau der Telemedizin steht diese Ebene trotzdem nicht im Zentrum.

Die Strategie sieht Telekonsultationen bei den Fachärzt:innen der Klinikambulanzen vor, unterstützt von häuslicher Pflege und Hausärzt:innen. Die Primärversorgung kommt also vor, als Zuarbeit. Im Umsetzungsplan wird sie ausdrücklich genannt, allerdings erst für 2029 und 2030, nachdem das System steht.

Mehr dazu lesen:

Bîlbîie, A., Puiu, A.-I., Mihăilă, V., & Burcea, M. (2024). Investigating physicians’ adoption of telemedicine in Romania using Technology Acceptance Model (TAM). Healthcare, 12(15), 1531. https://doi.org/10.3390/healthcare12151531

Organisation for Economic Co-operation and Development. (2025). OECD reviews of health systems: Romania 2025. OECD Publishing. https://doi.org/10.1787/f52e4a98-en

Păcuraru, I.-M., Năstac, A., Zamfir, A., Busnatu, Ș. S., Andronic, O., & Artamonov, A.-R. (2025). Digital transformation of medical services in Romania: Does the healthcare system meet the current needs of patients? Healthcare, 13(20), 2549. https://doi.org/10.3390/healthcare13202549

Florea, M., Lazea, C., Gaga, R., Sur, G., Lotrean, L., Puia, A., Stanescu, A. M. A., Lupsor-Platon, M., Florea, H., & Sur, M. L. (2021). Lights and shadows of the perception of the use of telemedicine by Romanian family doctors during the COVID-19 pandemic. International Journal of General Medicine, 14, 1575–1587. https://doi.org/10.2147/IJGM.S309519

Ministerul Sănătății. (2024). Unitățile de primire urgențe (UPU) vor fi dotate cu echipamente de telemedicină de ultimă generație.

Ministerul Sănătății. (2026). Strategia națională de digitalizare în sănătate 2026–2030

Parlamentul României. (2026, July 13). Legea nr. 138 din 13 iulie 2026 pentru completarea Legii nr. 95/2006 privind reforma în domeniul sănătății. Portal Legislativ.

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