Televisite

Eine Televisite in einer Pflegeeinrichtung folgt einem klaren Ablauf: Eine Pflegefachperson bereitet die Visite vor, erhebt Vitalwerte und relevante Befunde und stellt über ein sicheres digitales System die Verbindung zur behandelnden Ärztin oder zum behandelnden Arzt her. Die ärztliche Untersuchung erfolgt per Videokommunikation, unterstützt durch digitale Diagnostikgeräte wie zum Beispiel Stethoskop oder EKG. Beobachtungen aus der Pflege fließen unmittelbar in die medizinische Einschätzung ein. Die ärztliche Entscheidung wird nachvollziehbar dokumentiert und das weitere Vorgehen festgelegt. Die Versorgung findet vor Ort statt, ohne Transport in Praxis oder Klinik.

Televisiten sind seit mehreren Jahren Bestandteil gesundheitspolitischer und versorgungspraktischer Diskussionen zur Weiterentwicklung der medizinischen Betreuung in Pflegeeinrichtungen. Mit Televisiten soll eine stabilere ärztliche Anbindung, insbesondere bei eingeschränkter Mobilität der Bewohnerinnen und Bewohner erreicht werden. Ziel ist es, vermeidbare Rettungsdiensttransporte und Krankenhausaufnahmen zu reduzieren

Politische Impulse

Aktuelle Förderentscheidungen, unter anderem in Baden-Württemberg, rücken das Thema erneut in den Fokus. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen aus verschiedenen Bundesländern, dass die Herausforderung weniger in der medizinischen Sinnhaftigkeit als in der strukturellen Ausgestaltung liegt.

Baden-Württemberg stellt in der Förderperiode 2026/2027 rund 1,6 Millionen Euro für mehrere Televisite-Projekte sowie eine wissenschaftliche Evaluation bereit. Projekte wie TeleViK bei den Kleeblatt Pflegeheimen sollen die organisatorische und technische Implementierung in stationären Einrichtungen erproben und evaluieren.

Diese Initiative steht jedoch nicht isoliert. So haben u.a. Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen in den vergangenen Jahren Televisite-Modelle aufgebaut oder gefördert. Teilweise bestehen Kooperationen mit Krankenkassen und Kassenärztlichen Vereinigungen und in einzelnen Regionen sind telemedizinische Visiten bereits Bestandteil regionaler Versorgungsvereinbarungen.

Umsetzung in Einrichtungen

Erfahrungen aus bestehenden Projekten zeigen, dass Televisiten insbesondere dann wirksam sind, wenn sie regelmäßig und planbar stattfinden. Die kontinuierliche ärztliche Anbindung ermöglicht es, gesundheitliche Veränderungen frühzeitig einzuordnen und Verläufe systematisch zu beobachten. In solchen Strukturen lassen sich Krankenhauseinweisungen reduzieren und Entscheidungsprozesse beschleunigen.

Dafür sind mehrere Voraussetzungen entscheidend: Eine organisatorische Einbettung in die Abläufe der Einrichtung, klare Verantwortlichkeiten und Aufgaben sowie eine stabile Infrastruktur. Die Pflegefachkräfte vor Ort übernehmen dabei zentrale Aufgaben, sie bringen Beobachtungen ein und setzen ärztliche Anordnungen um. Daher ist es um so wichtiger, dass die Pflegekräfte aktiv an der Gestaltung der Prozesse mitwirken und für ihre Arbeitsalltag Vorteile in der Nutzung einer Televisite sehen können.

Selektivverträge und fehlende Routinen

Ein wesentlicher Umsetzungsfaktor liegt in der Finanzierungsstruktur. Viele Televisite-Modelle basieren auf Selektivverträgen einzelner Krankenkassen. Diese ermöglichen Innovationen, führen jedoch in der Praxis zu heterogenen Versorgungssettings:


In vielen Einrichtungen ist die Versichertenstruktur gemischt. Wenn eine einzelne Krankenkasse einen Selektivvertrag zur Televisite abschließt, betrifft das häufig nur einen kleinen Teil der Bewohnerinnen und Bewohner. In einem Heim mit 90 Plätzen können das beispielsweise fünf oder sechs Personen sein. Für diese kleine Gruppe werden telemedizinisch unterstützte Visiten organisiert, für alle anderen gelten weiterhin die bisherigen Abläufe. Das bedeutet: unterschiedliche Terminlogiken, verschiedene Dokumentationswege und getrennte Abrechnungsprozesse innerhalb derselben Einrichtung. Pflegekräfte müssen parallel zwei Systeme bedienen. Ärztinnen und Ärzte müssen zwischen Vertrags- und Nichtvertragsfällen unterscheiden. Unter diesen Bedingungen entsteht keine Routine. Gleichzeitig erhöht sich der organisatorische Aufwand für die Versorgenden.


Die aktuelle Vertragsstruktur erschwert damit genau jene Standardisierung, die für eine stabile Versorgungsroutine erforderlich wäre. Für eine nachhaltige Integration ist daher eine ausreichende Teilnehmerzahl pro Einrichtung ebenso relevant wie einheitliche Prozessstrukturen.

Fazit

Televisiten adressieren zentrale Herausforderungen der Langzeitpflege: eingeschränkte Mobilität, steigende medizinische Komplexität und begrenzte personelle Ressourcen. Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass organisatorisch eingebettete Modelle zur Stabilisierung der Versorgung beitragen können. Die weitere Entwicklung hängt maßgeblich davon ab, ob es gelingt, Finanzierungsmodelle zu vereinheitlichen, ausreichend große Versorgungsgruppen zu bilden und Prozesse innerhalb der Einrichtungen konsistent zu gestalten.

Mehr dazu erfahren?

Beispiel für einen Selektivvertrag: AOK NO Gerätegestützte Telemedizin

Beitrag des SWR der den Ablauf schön veranschaulicht: https://www.ardmediathek.de/video/swr-aktuell-baden-wuerttemberg/sendung-16-00-uhr-vom-17-11-2025/swr-bw/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIyNzk4NDc

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