Telemedizin im Bereitschaftsdienst

Der ärztliche Bereitschaftsdienst spielt eine zentrale Rolle in der ambulanten Versorgung außerhalb der regulären Sprechzeiten. Gleichzeitig geraten Notaufnahmen vor allem nachts, an Wochenenden und an Feiertagen zunehmend unter Druck. Viele Patientinnen und Patienten suchen die Notaufnahme auf, obwohl ihr gesundheitliches Problem dort nicht zwingend behandelt werden müsste. Die Frage, warum es zu diesen vermeidbaren Einweisungen kommt und wie Telemedizin zur Entlastung beitragen kann, gewinnt daher immer mehr an Bedeutung.

Fehlende Ressourcen als Ursache vermeidbarer Notaufnahmen

Eine aktuelle Befragung von mehr als 4.000 Ärztinnen und Ärzten, die im ärztlichen Bereitschaftsdienst tätig sind, zeigt ein klares Bild. Aus ärztlicher Sicht sind es nicht fehlende Kompetenzen oder Unsicherheiten in der Entscheidungsfindung, die zu unnötigen Einweisungen führen. Vielmehr fehlen im Bereitschaftsdienst häufig essenzielle diagnostische und fachliche Ressourcen. Dazu zählen vor allem Laboruntersuchungen, bildgebende Verfahren wie Sonografie und Röntgen sowie die Möglichkeit zur kurzfristigen fachärztlichen Rücksprache.

Fehlen diese Ressourcen, bleibt Ärztinnen und Ärzten oft keine andere Option, als Patientinnen und Patienten vorsorglich in eine Notaufnahme einzuweisen. Diese Einweisungen sind medizinisch nachvollziehbar, belasten jedoch die Notfallstrukturen und führen zu einer ineffizienten Nutzung vorhandener Kapazitäten.

Telemedizin als gezielte Unterstützung im Bereitschaftsdienst

Telemedizin wird von den befragten Ärztinnen und Ärzten nicht als Ersatz der persönlichen Versorgung verstanden, sondern als sinnvolle Ergänzung. Besonders großes Potenzial sehen sie in telemedizinischen Konsilen, bei denen fachärztliche Expertise kurzfristig zugeschaltet werden kann. Auch die radiologische Befundung aus der Ferne wird als wichtiger Hebel genannt, um diagnostische Sicherheit zu erhöhen und Entscheidungen im Bereitschaftsdienst fundierter treffen zu können.

Ein weiterer zentraler Ansatzpunkt ist die telemedizinische Unterstützung von Hausbesuchen durch nichtärztliches Personal. Rund zwei Drittel der Befragten halten dieses Modell für realistisch umsetzbar. Telemedizin kann hier dazu beitragen, ärztliche Expertise in die Fläche zu bringen, ohne dass Ärztinnen und Ärzte physisch vor Ort sein müssen. Gleichzeitig eröffnet sie neue Möglichkeiten der Arbeitsteilung und der effizienten Nutzung knapper personeller Ressourcen.

Technik allein reicht nicht aus

So groß das telemedizinische Potenzial auch ist, die Befragung macht deutlich, dass Technik allein keine Lösung darstellt. Entscheidend ist die kluge Einbindung telemedizinischer Anwendungen in bestehende Versorgungsstrukturen. Dazu gehören klare organisatorische Abläufe, rechtliche Rahmenbedingungen, eine verlässliche Finanzierung sowie die Akzeptanz bei allen beteiligten Akteuren.

Telemedizin entfaltet ihren Nutzen vor allem dann, wenn sie nahtlos in den ärztlichen Bereitschaftsdienst integriert wird und bestehende Prozesse sinnvoll ergänzt. Sie kann diagnostische Lücken schließen, fachliche Unterstützung verfügbar machen und dazu beitragen, Entscheidungen sicherer und schneller zu treffen.

Bereitschaftsdienst stärken und Notaufnahmen entlasten

Wer Notaufnahmen nachhaltig entlasten möchte, muss den ärztlichen Bereitschaftsdienst gezielt stärken. Telemedizin bietet dafür konkrete und praxistaugliche Ansatzpunkte. Sie kann helfen, vermeidbare Einweisungen zu reduzieren, die Versorgungsqualität zu erhöhen und gleichzeitig die Arbeitsbelastung für medizinisches Personal zu senken.

Der Blick auf die ärztliche Perspektive zeigt deutlich, dass Telemedizin kein Zukunftsversprechen mehr ist, sondern ein bereits heute wirksames Instrument. Richtig eingesetzt, kann sie einen wichtigen Beitrag leisten, um die ambulante Akutversorgung zukunftsfähig aufzustellen.

Mehr dazu

Hagelskamp, J., Witt, K., Steiger, E., Carnarius, S., & Stillfried, D. (2026). Ressourcenbedarf und telemedizinisches Potenzial im Ärztlichen Bereitschaftsdienst: Eine explorative Befragung unter Ärzten. Gesundheitswesen

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