Startklar für Telemedizin?
Telemedizin und digitale Lösungen gehören inzwischen fast überall zur Strategie. Es gibt Projekte, Pilotvorhaben, Förderprogramme, für einige Anwendungen sogar Vergütung im Rahmen der Regelversorgung. In der Praxis zeigt sich jedoch häufig: Auch wenn Technik da ist, passt der Alltag vor Ort noch nicht dazu. Geräte stehen ungenutzt im Schrank, Videolösungen werden nur sporadisch eingesetzt und Teams fühlen sich eher zusätzlich belastet als entlastet. Die Frage lautet also: Startklar für Telemedizin? Eine Checkliste für Regionen und Einrichtungen gibt Hilfestellungen.
Die Frage, ob eine Region wirklich bereit für Telemedizin ist, wird oft nur aus dem Bauch heraus beantwortet. Eine aktuelle Publikation aus Kanada schlägt stattdessen ein systematisches Vorgehen vor: Vor der Einführung wird geprüft, welche Voraussetzungen schon vorhanden sind und wo es noch Lücken gibt. Genau dieses Prinzip und die Checkliste lassen sich gut auf DACH-Regionen und Einrichtungen übertragen.
In diesem Newsletter geht es deshalb sehr praktisch um eine Frage: Wie lässt sich die Bereitschaft einer Region für Telemedizin und digitale Lösungen in der Gesundheitsversorgung einschätzen? Und wie kann daraus ein klares Bild entstehen, das bei der weiteren Planung hilft?
Warum zuerst die Voraussetzungen geklärt werden sollten
In vielen Projekten steht am Anfang eine technische Lösung. Eine Plattform wird ausgewählt, Geräte werden beschafft, Schulungen werden angeboten. Erst im laufenden Betrieb fällt auf, dass grundlegende Punkte nicht geklärt sind. Zum Beispiel:
- der tatsächliche Versorgungsbedarf wurde nur grob beschrieben
- die technische Infrastruktur reicht für stabile Bild und Tonqualität nicht aus
- und, besonders häufig: Rollen, Zuständigkeiten und Abläufe sind unklar
Eine aktuelle kanadische Studie adressiert genau dieses Problem und will durch einen Fragenkatalog dazu beitragen, dass sich Regionen/Institutionen umfassend vorbereiten, bevor telemedizinische Lösungen beschafft werden. Im Mittelpunkt stehen daher Fragen danach, ob sich die Beteiligten auf gemeinsame Ziele verständigt haben, ob die technischen Grundlagen tragfähig sind und ob die Einführung im Alltag überhaupt zu schaffen ist.
Das klingt selbstverständlich, wird aber erstaunlich selten konsequent angewandt.
Drei Blickrichtungen auf die Bereitschaft einer Region
Aus der Studie lassen sich drei zentrale Blickrichtungen ableiten, die über den Erfolg von Telemedizinprojekten entscheiden.
1. Versorgung und Bedarf
Zunächst geht es darum, ob die gesundheitlichen Herausforderungen der Region klar beschrieben sind. Telemedizin ist kein Selbstzweck. Sie soll konkrete Lücken schließen. Dazu gehören zum Beispiel lange Wege zu Fachärztinnen und Fachärzten, häufige Verlegungen, fehlende Sprechstunden vor Ort oder besondere Belastungen bestimmter Patientengruppen.
2. Technische Grundlagen
Die zweite Perspektive betrifft die technische Basis. Es genügt nicht, theoretisch auf das Internet zugreifen zu können. Entscheidend sind Verfügbarkeit, Stabilität und Qualität der Verbindung an den Orten, an denen telemedizinische Angebote genutzt werden sollen. Dazu kommen Fragen der Sicherheit, des Datenschutzes und der Anbindung an bestehende Systeme.
3. Personal, Kompetenzen und Abläufe
Die dritte Blickrichtung betrifft die Menschen in der Versorgung. Telemedizin verändert Abläufe, Aufgabenverteilung und Rollenverständnis. Wenn neue Angebote einfach obendrauf gelegt werden, fühlen sich Teams schnell überfordert. Werden ineffiziente analoge Prozesse schlicht digitalisiert, heißt das nicht zwangsläufig, dass die Abläufe damit besser werden.
Je klarer diese Lücken benannt sind, desto leichter lässt sich später beurteilen, ob eine digitale oder telemedizinische Lösung wirklich passt und welchen Nutzen sie bringen kann.
Praktische Checkliste: Ist unsere Region bereit für Telemedizin und digitale Lösungen?
Die folgende Checkliste kann für eine Klinik, ein Netzwerk, einen Landkreis oder eine andere regionale Struktur genutzt werden. Sie eignet sich zum Beispiel für einen gemeinsamen Workshop mit Vertreterinnen und Vertretern aus Versorgung, Verwaltung und Politik.
A. Versorgung und strategische Ausrichtung
- Versorgungslücken Was sind die konkreten Versorgungslücken oder Probleme, die mit Telemedizin und digitalen Lösungen verbessert werden sollen?
- Daten Liegen Daten oder systematische Beobachtungen zu diesen Problemen vor, etwa zu Wartezeiten, Wegen, Verlegungen oder fehlenden Angeboten? Was lässt sich daraus ableiten?
- Beteiligung verschiedener Akteure Wer ist alles beteiligt? Wie sind Haus- und Fachärztinnen, Pflege, Rettungsdienst, Krankenhäuser, Kostenträger, Kommunen und Patientengruppen an der Beschreibung der Lage und möglichen Lösungen beteiligt?
- Zielgruppen und Ziele Ist festgelegt, welche Patientengruppen zunächst im Mittelpunkt stehen und welche Ziele erreicht werden sollen?
- Initiative und Treiber Gibt es eine klare Unterstützung durch die Leitungsebenen der beteiligten Einrichtungen und Weitere, zum Beispiel durch Träger oder Kommunalpolitik?
B. Technische Voraussetzungen
- Internetanbindung Wie ist die Internetverbindung an den relevanten Standorten? Für welche Anwendungen ist sie ausreichend (zum Beispiel asynchrone Versorgung, Video, dauerhaftes Monitoring)?
- Netz und Strom Gibt es an den vorgesehenen Behandlungsorten eine zuverlässige Netzabdeckung, zum Beispiel durch WLAN oder kabelgebundene Anschlüsse? Sind Stromversorgung und Platzbedarf für Geräte berücksichtigt?
- Sicherheit Sind Fragen des Datenschutzes und der Informationssicherheit geklärt, inklusive Zugriffsrechten und Protokollierung?
- Ansprechperson Gibt es eine klar benannte Ansprechperson oder Funktion vor Ort, die Störungen aufnimmt, mit externen Dienstleistern kommuniziert und einfache Aufgaben selbst übernehmen kann?
C. Personal, Kompetenzen und Abläufe
- Zuständigkeiten Sind die Zuständigkeiten entlang des telemedizinischen Ablaufs beschrieben, zum Beispiel Terminorganisation, Vorbereitung des Raums, Bedienung der Technik, ärztliche Entscheidungswege, Dokumentation, Zusammenarbeit im Versorgungsnetz?
- Schulungen und Einarbeitung Gibt es ein Konzept, wie alle beteiligten Berufsgruppen geschult werden, wie neue Mitarbeitende eingearbeitet werden und wie Auffrischungen organisiert sind?
- Integration in den Alltag Wurden bestehende Abläufe analysiert und angepasst, damit Telemedizin nicht als zusätzlicher Sonderweg neben der Regelversorgung läuft? Ist der zeitliche Aufwand realistisch eingeschätzt und organisatorisch berücksichtigt?
- Lernkultur Gibt es Vereinbarungen dazu, wie Erfahrungen aus dem Alltag gesammelt und für Verbesserungen genutzt werden?
Wer die Checkliste nutzt, kann für jede Frage schlicht notieren, ob sie im eigenen Umfeld bereits erfüllt ist, teilweise erfüllt oder noch offen ist. Wenn eine Region in allen drei Bereichen Versorgung, Technik und Personal die meisten Fragen mit JA beantworten kann und keine zentrale Frage klar offenbleibt, ist sie auf einem guten Weg für erfolgreiche Umsetzung einer telemedizinischen Lösung. Einzelne offene Punkte sind kein Ausschlusskriterium, sondern zeigen, wo vor dem Start noch nachgeschärft werden sollte.
Wenn sich dagegen viele Antworten im Bereich TEILWEISE oder NEIN sammeln, ist das ein Signal, zunächst Grundlagen zu schaffen, statt noch eine weitere digitale Lösung obenauf zu setzen. Die Checkliste wird damit weniger zu einem Test, der bestanden oder nicht bestanden wird, sondern zu einem Werkzeug für eine ehrliche Standortbestimmung.
Mehr dazu
Deason JP, Adams SJ, Khan A, Lovo S, Mendez I. A comprehensive evaluation tool to assess community capacity and readiness for virtual care implementation. J Telemed Telecare. 2025 Dec;31(10):1446-1453.