Telemedizinische Versorgungszentren

Telemedizinische Versorgungszentren als neue Leistungserbringer? Der Spitzenverband Digitale Gesundheitsversorgung e.V. fordert in seinem aktuellen Positionspapier die Schaffung neuer telemedizinischer Strukturen für die Schließung von Versorgungslücken, konkret die Schaffung telemedizinischer Versorgungszentren, kurz TMVZ.

Kurz und Knapp

  • Das Potenzial von Telemedizin wird aktuell nicht ausgeschöpft
  • 11.000 Hausärztinnen und -ärzte werden bis 2035 fehlen, das heißt, dass ohne weitreichende Veränderung bis 2035 mehr als 40% der Landkreise nicht mehr ausreichend gut medizinisch versorgt werden können
  • aktuell erschweren Kommunikationsbarrieren und Kooperationsbarrieren aber auch regulative Lücken die intersektorale Zusammenarbeit
  • Ein TMVZ analog zum MVZ soll unter ärztlicher Leitung ein neuer Leistungserbringer werden
  • Mit der Etablierung von TMVZ können telemedizinische Leistungsangebote Patientinnen und Patienten erreichen und so auch zukünftige Versorgungsengpässe umgangen werden

Aktuelle Versorgungssituation

Die typische hausärztliche Versorgung in Deutschland wird von der Hausärztin oder dem Hausarzt in der Einzelpraxis erbracht. So praktizierten im Jahr 2020 54 % der Hausärztinnen und Hausärzte in einer Einzelpraxis. Allerdings war bereits in 2019 mehr als jede(r) siebente praktizierende Hausärztin oder Hausarzt über 65 Jahre alt und es gab ca. 3.300 unbesetzte Hausarztstellen. Nach einer Prognoserechnung der Robert-Bosch-Stiftung (zur Studie siehe unten) werden im Jahr 2035 etwa 11.000 Hausarztstellen unbesetzt sein, In Folge wird nahezu ein Fünftel der Kreise hausärztlich unterversorgt sein. Von einer Unterversorgung wird gesprochen, wenn der Versorgungsgrad < 75 % ist. Weitere 20% der Kreise werden sich 2035 nahe der hausärztlichen Unterversorgung bewegen, dies ist definiert als ein Versorgungsgrad von 75 % bis 80 %.

Auch wenn pandemiebedingt die Zahl der durchgeführten Videosprechstunden in den letzten beiden Jahren gestiegen ist (allein im Zeitraum von März 2020 bis Juni 2021 hat sich die Zahl der die Videosprechstunde nutzenden Ärztinnen und Ärzte im Vergleich März 2018 bis Juni 2019 fast vervierzigfacht) und sich eine größere Akzeptanz für Telemedizin entwickelt, wird nach Einschätzung des Spitzenverbands Digitale Gesundheitsversorgung bisher nur ein geringer Anteil telemedizinisch durchführbarer Leistungen auch tatsächlich telemedizinisch erbracht.

Idee: Telemedizinische Versorgungszentren

TMVZ soll, laut dem Positionspapier, als Leistungserbringer neu etabliert werden – analog zu einem MVZ. In einem TMVZ könnten dann Ärztinnen und Ärzte verschiedener Fachrichtungen tätig werden. Die ärztliche Leitung eines solchen TMVZ muss in medizinischen Fragen weisungsfrei bleiben. Ziel des TMVZ wäre es, telemedizinisch durchführbare Leistungen auch tatsächlich telemedizinisch zu erbringen. Falls eine telemedizinische Leistungserbringung nicht sinnvoll möglich ist, müsste das TMVZ den Patienten, die Patientin zielgerichtet in die Präsenzmedizin leiten.

Potenzielle Mehrwerte von Telemedizinischen Versorgungszentren

  • Mögliche Vorteile einer Bündelung der telemedizinischen Leistungen in Strukturen analog zum MVZ:
  • Entlastung der Ärztinnen und Ärzte vor Ort, so dass diese Zeit für die Patientinnen und Patienten haben, die eine persönliche Versorgung brauchen
  • Höhere Verfügbarkeit von ärztlicher Fachkompetenz unabhängig vom Wohn/Aufenthaltsort des Patienten, der Patientin, so dass der Zugang zur medizinischen Versorgung verbessert wird
  • Zielgerichtete Zuweisung von Patientinnen und Patienten durch fachkompetente Triage im TMVZ, zum Beispiel für die Fälle, die eine persönliche ärztliche Versorgung erfordern, gezielt in die Praxen führen
  • Ausschöpfung der bisher auch schon telemedizinisch erbringbaren Leistungen ohne die Abläufe im Praxisalltag zu stören
  • Nutzung des Skalierungspotenzials in telemedizinischen Strukturen
  • Vereinfachte Zusammenarbeit zwischen niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten mit den TMVZ als Struktur (weg von Einzelverträgen) und nicht zuletzt
  • Attraktivere Arbeitsmodelle für Ärztinnen und Ärzte sowie für Pflegepersonal, die flexibler an unterschiedliche Lebensphasen anpassbar sind

Gerade mit der Etablierung von TMVZ als neuer Akteur und damit auch mit einer entsprechenden KV-Zulassung könnten einige Versorgungslücken geschlossen werden.

Die Zusammenarbeit mit den medizinischen Leistungserbringern des Patienten oder der Patientin vor Ort wäre zwingende Voraussetzung für einen Mehrwert durch das TMVZ. Insbesondere, wenn eine gezielte Zuweisung zu einer Präsenzmedizin durch TMVZ erfolgen soll.

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