Long-COVID und Telerehabilitation

Mehr als ein Drittel der Patient:Innen mit einer COVID-19-Erkrankung haben auch nach der Akutphase weiterhin Beschwerden.[1] Diese anhaltenden Symptome werden als Post-COVID- bzw. Long-COVID-Syndrom bezeichnet und zeigen einen Symptomverlauf bis über die 12. Woche hinaus.[1]

Mehrere medizinische Einrichtungen in Deutschland bieten bereits Rehabilitationsmaßnahmen nach einer COVID-Erkrankung an. Hierbei handelt es sich in der Regel um ein interdisziplinäres Therapieangebot, dass sowohl physiologische als auch psychologische Einschränkungen adressiert. Häufig sind verschiedene Organe und Körpersysteme von den anhaltenden Auswirkungen der COVID-Infektion betroffen. In Abhängigkeit von der Art der Symptome werden daher die Expertisen aus der Neurologie, Inneren Medizin (Pneumologie, Kardiologie, Diabetologie) sowie aus der Psychotherapie und psychosomatischen Medizin in die Therapie einbezogen.

Nutzen der Telerehabilitation

Eine grundsätzliche Herausforderung bei der stationären Rehabilitation ist eine verminderte Nachhaltigkeit, da Rehabilitationserfolge nicht selten bereits nach kurzer Zeit verloren gehen. [2] Ein zweites Problem zeigt sich darin, dass Patient:Innen teils lange auf Reha-Plätze warten müssen. So warnte die Deutsche Gesellschaft für medizinische Rehabilitation erst im April 2021 vor langen Wartezeiten für Menschen mit einer überstandenen COVID-Infektion.[3] Beide Herausforderungen können mit telerehabilitativen Versorgungsprogrammen adressiert werden.

Unter Telerehabilitation versteht man die Durchführung von Maßnahmen der medizinischen Rehabilitation – unter Verwendung telemedizinischer Methoden, also durch Nutzung interaktiver Telekommunikationstechnologien über eine räumliche und/ oder zeitliche Distanz hinweg. [4]

Brennan et al. 2009

Eine Telerehabilitation vereinfacht die Transition von der stationären Versorgung in die häusliche Umgebung, indem neu erlernte Routinen direkt in der Häuslichkeit etabliert werden. Zudem kann für Patient:Innen mit einem geringen medizinischen Risiko auch eine rein fernüberwachte Rehabilitation ausreichen, um den gewünschten Trainings- und Behandlungserfolg zu erzielen. Am Beispiel der Telerehabilitation nach Schlaganfall gibt es zahlreiche Untersuchungen, darunter auch eine Cochrane Studie aus 2020, die Hinweise darauf geben, dass eine Telerehabilitation vergleichbare Ergebnisse erzielen kann wie eine konventionelle Therapie.[5]–[7]

Gestaltung der Telerehabilitation bei Long-COVID

Um Patient:Innen mit Long-COVID-Symptomatik zu unterstützen, wurde in Brasilien ein Rehabilitationsprogramm entwickelt, das Telemonitoring und Motivationsanrufe sowie bedarfsweise Online-Rehabilitationsmaßnahmen integrierte.[8] Das Programm sah vor, dass alle Teilnehmenden nach Hospitalisierung Übungshefte erhielten.[9] Die empfohlenen Übungen ließen sich gut im häuslichen Umfeld, auch ohne Fitnessgeräte, umsetzen. In einem ersten Telefonat poststationär wurde u. a. basierend auf dem Niveau der Einschränkungen des Teilnehmenden entschieden, ob die Übungen allein zu Hause gemacht werden können und Teilnehmende dann z. B. durch wöchentliche Telefonanrufe weiter motiviert werden. Alternativ bestand die Möglichkeit, dass Teilnehmende in eine Online-Therapie-Gruppe aufgenommen werden, in der Therapeut:Innen Trainings anleiteten und überwachten. Das begleitende Telemonitoring erlaubte ein frühzeitiges Erkennen von anhaltenden Symptomen und körperlichen Einschränkungen. Am häufigsten wurden Teilnehmende zu weiterführenden Online-Angeboten von Psycholog:Innen (11,8 %), Physiotherapeut:Innen (8,0 %), Diätassistent:Innen (6,8 %) und Logopäd:Innen (4,6 %) überwiesen.

Telerehabilitation setzt nicht zwingend Fitnessgeräte zu Hause voraus.

Eine kurze Machbarkeitsstudie in Italien sah vor, dass die Patient:Innen bei Aufnahme in das Programm einen Pulsoximeter, eine Broschüre mit Übungen, ein Tagebuch zur Aufzeichnung der täglichen Aktivitäten und Anweisungen für Übungen zu Hause erhielten.[10] Das einmonatige Programm bestand aus täglich einer Stunde aerobem Rekonditionierungs- und Muskeltraining sowie der Vermittlung eines gesunden Lebensstils. Zweimal wöchentlich kontaktierte der/die Physiotherapeut:In die Patient:Innen per Videoanruf. In Folge konnten Übungen und Intensitäten an den individuellen Trainingsfortschritt angepasst werden. Zusätzlich zum physiotherapeutischen Kontakt, fand in den ersten beiden Wochen tägliches Telemonitoring durch Pflegepersonal statt. Bei plötzlich auftretenden Verschlechterungen und Problemen waren die Pflegekräfte täglich für die Patient:Innen erreichbar. In der Studie konnte gezeigt werden, dass sich die Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit Patient:Innen durch die Telerehabilitation innerhalb weniger Wochen erheblich steigerte. Allerdings zeigte sich bei 20 % der Teilnehmenden eine negative Veränderung im Verlauf.[10]

Umfassende kardiopulmonale Telerehabilitationsprogramme können Telemonitoring, Gesundheitscoaching, virtuelle Schulungsprogramme sowie soziale Vernetzungsangebote zur Steigerung von Interesse und Motivation beinhalten.[11]

Akzeptanz der Telerehabilitation

Untersuchungen zur Akzeptanz von Telerehabilitationsmaßnahmen zeigen eine hohe Akzeptanz sowohl seitens der Patient:Innen als auch seitens der Therapeut:Innen.[2] In einer Studie mit Ärzt:Innen und Physiotherapeut:Inen wurden Barrieren identifiziert, die es medizinischen Leistungserbringern erschweren, ihre Leistung online anzubieten.[12] Dazu gehörten insbesondere fehlendes Wissen zur Telerehabilitation, der Einfluss im beruflichen Umfeld und mangelnde Ressourcen.

Finanzierung von Telerehabilitationsleistungen

Über die deutsche Rentenversicherung werden in Deutschland derzeit als abrechenbares telematisches Behandlungsverfahren die trainingstherapeutische Tele-Reha-Nachsorge der EvoCare® angeboten.[13] Zur Unterstützung der Nachsorge nach einer psychosomatischen Reha-Maßnahme ist die Smartphone-App DE-RENA abrechenbar. [13]

Zusammenfassung

Telerehabilitationsprogramme können eine sichere und effiziente Alternative zu stationären Rehabilitationsprogrammen darstellen, allerdings profitieren nicht alle Patient:Innen in gleicher Form von Telerehabilitationsangeboten. Für manche Patient:Innen mit einem höheren Risiko ist eine stationäre Rehabilitation empfehlenswert. Daher ist es notwendig, dass ein patientenzentrierter Ansatz vor Aufnahme sicherstellt, dass die Patient:Innen eine für ihren Bedarf geeignete Rehabilitationstherapie erhalten. Zudem ist während einer Telerehabilitationsmaßnahme das kontinuierliche Monitoring durch Fachpersonal erforderlich.

Referenzen

[1]      “Leitlinie zu Post-COVID in Arbeit,” Ärztezeitung, 2021.

[2]      U. Meyding-Lamadé, B. Bassa, P. Tibitanzl, A. Davtyan, E. K. Lamadé, and E. M. Craemer, “Telerehabilitation: from the virtual world to reality—Medicine in the twenty-first century: Video-assisted treatment in times of COVID-19,” Nervenarzt, vol. 92, no. 2, pp. 127–136, 2021, doi: 10.1007/s00115-020-01058-w.

[3]      “Engpässe bei Long-Covid-Reha drohen,” n-tv, p. 1, 2021.

[4]      D. M. Brennan, S. Mawson, and S. Brownsell, “Telerehabilitation: Enabling the remote delivery of healthcare, rehabilitation, and self management,” Stud. Health Technol. Inform., vol. 145, pp. 231–248, 2009, doi: 10.3233/978-1-60750-018-6-231.

[5]      K. E. Laver, Z. Adey-Wakeling, M. Crotty, N. A. Lannin, S. George, and C. Sherrington, “Telerehabilitation services for stroke,” Cochrane Database Syst. Rev., vol. 2020, no. 1, 2020, doi: 10.1002/14651858.CD010255.pub3.

[6]      M. Keidel et al., “Home-based telerehabilitation after stroke,” Nervenarzt, vol. 88, no. 2, pp. 113–119, 2017, doi: 10.1007/s00115-016-0275-x.

[7]      F. Sarfo, U. Ulasaverts, O. Opare-Sem, and B. Ovbiagele, “Tele-Rehabilitation after Stroke: An Updated Systematic Review of the Literature,” J. stroke Cerebrovasc. Dis., vol. 27, no. 9, pp. 2306–2318, 2018, doi: 10.1016/j.jstrokecerebrovasdis.2018.05.013.TELE-REHABILITATION.

[8]      V. F. Leite et al., “Persistent Symptoms and Disability After COVID- 19 Hospitalization : Data From a Comprehensive Telerehabilitation Program,” Arch. Phys. Med. Rehabil., vol. In Press, no. May, p. 2021, 2021, doi: https://doi.org/10.1016/j.apmr.2021.03.001.

[9]      A. Ambrose, “COVID ‑ 19 Patient Guide to At ‑ Home Exercises,” J. Int. Soc. Phys. Rehabil. Med., vol. 3, no. 2, pp. 33–34, 2020.

[10]    M. Paneronia, M. Vitaccaa, P. Bernocchib, L. Bertacchinia, and S. Scalvini, “Feasability of tele-rehabilitation in survivors of COVID-19 pneumonia,” Pulmonology, vol. In Press, pp. 1–3, 2021, doi: https://doi.org/10.1016/j.pulmoe.2021.03.009.

[11]    D. Aragaki, J. Luo, E. Weiner, G. Zhang, and B. Darvish, “Cardiopulmonary Telerehabilitation,” Phys. Med. Rehabil. Clin. N. Am., vol. 32, no. 2, pp. 263–276, 2021, doi: https://doi.org/10.1016/j.pmr.2021.01.004.

[12]    N. Cox et al., “A Brief Intervention to Support Implementation of Telerehabilitation by Community Rehabilitation Services During COVID-19: A Feasibility Study,” Arch. Phys. Med. Rehabil., vol. 102, no. 4, pp. 789–795, 2021, doi: https://doi.org/10.1016/j.apmr.2020.12.007.

[13]    “Deutsche Rentenversicherung – Tele-Reha-Nachsorgeangebote.” https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Experten/Infos-fuer-Reha-Einrichtungen/Nachsorge/TeleNachsorge_index.html.


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